|
|
Aida in
Bregenz
- oder: Verloren in nassen Klamotten
Christa Tamara Kaul | 31.12.2009
Gestern Abend ging Aida baden, via 3sat in Bregenz. Also -
eigentlich wurde die Holde ja schon im Sommer ins Wasser
gesetzt, doch der weiten Welt gezeigt wurde es erst jetzt - aber der Reihe nach.
Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden - kaum eine
Binse ist mehr ausgewalzt und gleichzeitig gültiger als diese.
Insofern birgt jede Wahl des "Schönsten Irgendwas' aller Zeiten"
immer unvermeidliche Tücken in sich.

3sat
hat sich entschlossen, über die Weihnachtstage bis in die
erste Januarwoche hinein
"Die schönsten Opern aller Zeiten" zu
präsentieren. Wobei die Auswahl der "schönsten" Opern durch eine Zuschauerbefragung im
Sommer zustande kam, sicher kein völlig verkehrter Modus bei einem
öffentlich-rechtlichen Sender. Und das Ergebnis kann sich insgesamt
- bis auf ein, zwei Fehlgriffe - gut sehen lassen. So weit, so respektabel also.
Oben: Aida 1.Akt, unten: Aida 2. Akt
Lohengrin habe ich mir in dieser Reihe kürzlich
als erstes angesehen, gesendet
wurde die aktuelle Inszenierung von Richard Jones an der
Bayerischen Staatsoper München. In der Rolle der Elsa von Brabant
brillierte die Sopranistin Anja Harteros. Alles in allem eine
erfrischende, gelungene Aufführung - auch ohne Schwan als
Außenbordmotor, auf den zeitgeistig verzichtet worden war.
Schlichtweg grandios - besonders hinsichtlich der Solisten und
des ebenso strengen wie emotional starken Bühnenbildes - war die
Fidelio-Inszenierung, die am 28. Dezember ausgestrahlt wurde. Es
war die Inszenierung von Pier'Alli am Palau de les Arts "Reina
Sofia" in Valencia aus dem Jahr 2006. Die musikalische Leitung hatte
Zubin Mehta.
Beides also großartige Aufführungen mit jeweils sehr
unterschiedlichen, aber gleichermaßen prägnanten, starken
Konzeptionen. Für sehr eigene, prägnante Konzeptionen sind auch die Bregenzer Festespiele am
Bodensee bekannt, bisweilen auch berühmt-berüchtigt. Gestern - am
30. Dezember 2009 - zeigte 3sat nun Verdis
Aida in der Bregenzer
Fassung vom Sommer dieses Jahres.
"Eigentlich
ist Aida ja gar keine Wüstenoper", meinte
(u.a. via Internetverlautbarung) der
Bregenzer Intendant David Pountney zu dieser Produktion. "Das Werk spielt an
den Ufern des Nils, und der wunderschöne dritte Akt beschreibt
auf magische Art und Weise die Atmosphäre einer ägyptischen
Nacht an diesem legendären Fluss." Sprach's und ließ
weite Teile der Bühnenarchitektur in den Fluten des Bodensees
abtauchen. "Wasser bildet das zentrale Element des Geschehens:
natürlich und künstlich erzeugter Wellengang, Wasserballett,
Boote, ein riesiges Fischernetz, Tauchgänge, nichts fehlt in
diesem Kaleidoskop Wasserwelt. Der Bodensee als integraler
Bestandteil der Inszenierung."
Soweit der Intendant.
Ja, ja - der Bodensee. Schön ist er. Aber eben nicht der Nil.
Auch gingen die alten Ägypter ebenso wenig in voller Montur
baden, wie es die Bodenseeanwohner heutzutage tun. Dennoch
wälzte, drehte und hüpfte eine Tanzkompagnie, das so genannte
Wasserballett, unerschrocken im seichten Nass. Und zwar voll
bekleidet, so dass die Klamotten triefend um die Körper
schlabberten und spritzen, sicher zur Freude vieler Kinder.
Auch die Sänger durften munter im Nassen planschen,
unten herum, während sie oben herum eben das taten, was ihres Amtes ist,
nämlich singen. Wobei sie immer wieder die Anmutung der
sprichwörtlich begossenen Pudel hervorriefen, um so mehr in den
Szenen, in denen die Solisten - ohne aufwändige
Chorchoreographie - allein, zu zweit oder zu dritt wie verloren
in der riesigen, recht verworrenen Bühnenarchitektur herum
irrten.
Überhaupt die Bühnenarchitektur! Die - gewünschte - Assoziation,
dass die zwei riesigen, wie vergessen herumstehenden Kräne den
beiden Flüssen (welchen beiden nochmal?) entsprechen sollen,
erschließt sich nicht unbedingt auf Anhieb. Und auch nicht auf
Abhieb. Dem bedeutungsschwangeren Einfall, die zwei gigantischen
Fußfragmente während des Triumphmarsches mit Kopf und Fackel der
amerikanischen Freiheitsstatue zu kombinieren und so auch
"optisch eine Brücke zwischen Antike und Neuzeit" zu schlagen,
lässt sich immerhin Phantasie bescheinigen. Und der in der Tat
berauschenden Farbsymphonie aus glühend türkisfarbenen
Bühnenelementen vor dem nachtblauen Himmel wohnt ein Zauber inne.
Doch die teilweise hymnischen Lobpreisungen etlicher
Premierenkritiken lassen sich kaum nachvollziehen. Womöglich
sind die Rezensenten der Gigantomanie der Bühnenarchitektur
erlegen, die der Dimension
altägyptischer Palast- und Tempelbauten Tribut zollte. Auch der
akustische Genuss hielt sich in Grenzen, was nicht an Tatiana Serjan als Aida,
Rubens Pelizzari als Radames und der großen
Sängerpersönlichkeit Iano Tamar in der Rolle
der Amneris lag. Sie haben ihr Bestes gegeben.
Aber so ist das nun mal bei
Opernaufführungen auf Freiluftbühnen - open air auf Neudeutsch,
da geht es vorrangig um die Schau fürs Auge, um das "Event",
auch und gerade auf Kosten der Akustik, also des
Klanggenusses. Schon deshalb,
weil mit Mikrofon gesungen werden muss - seien die Sängerinnen
und Sänger auch noch so gut und stimmgewaltig.
Alles in allem eine Aufführung, bei der es schwer fiel, bis zum
Ende auszuharren.
Zugegeben, diese Kritik basiert auf der TV-Ausstrahlung. Da
weicht manches ab vom Erlebnis am Strand des
Bodensees. Hinsichtlich der Atmosphäre ganz sicher. Allerdings
dürften Akustik und Optik via Fernsehen
streckenweise etwa durch das Heranzoomen einzelner Personen bei Soloauftritten
sogar noch vorteilhafter als am Originalschauplatz ausfallen. Wie auch immer - Freiluftaufführungen haben sicher
ihren ganz eigenen Reiz, nicht zuletzt für Urlauber in der Sommerfrische
- doch nur im Direkterlebnis vor Ort. Nicht im Fernsehen.

|