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Posse oder Katharsis?
Vom lustigen Versuch, die Qualität des

deutschen Fernsehens zu retten


Christa Tamara Kaul  | 17.10.2008


Ach, was muss man doch von bösen – Buben hören oder lesen! Wie etwa hier von diesen beiden, von denen einer das Fernsehen kann nicht leiden. Und deshalb weigerte der sich, der Gottvater der deutschen Literaturkritik Marcel Reich-Ranicki, glatt, den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises für sein Lebenswerk  anzunehmen. Was wiederum Unterhaltungszampano und Quotenbringer Thomas Gottschalk, der die dem Anlass entsprechende, aber keineswegs völlig geistfreie Laudatio gehalten hatte, zu der nahezu genialen Idee inspirierte, Reich-Ranicki mittels einer spontan angesetzten Sondersendung als TV-Kritiker zu installieren. Schon ein paar Tage später kreißten die beiden Fernsehgiganten in einem medienphilosophischen Disput und gebaren eine – na, was wohl? Ja, genau. Doch der Reihe nach. 

Erster Streich - 12. Oktober, ZDF

Gut, die alljährliche Verleihung des Deutschen Fernsehpreises fiel noch nie durch übermäßig hohe Intellektualität auf. Wie auch. Werden doch alljährlich die Produktionen von vier Rundfunkanstalten – ARD, ZDF, RTL und Sat.1 – auf ihre Preiswürdigkeit hin begutachtet und bewertet. Alle vier Sender, die beiden öffentlich-rechtlichen wie die zwei privatfinanzierten, müssen, die letzteren mehr, die ersteren weniger, permanent eine geschmeidige Turnübung hinbekommen: den Spagat zwischen quotenträchtiger Massenbelustigung und anspruchsvollem Informations- und experimentierfreudigem Kulturangebot. Einerseits soll eine jüngere Zielgruppe angesprochen, andererseits die ältere nicht vernachlässigt werden, einerseits sollen möglichst alle Bevölkerungsschichten erreicht, andererseits hohe Informations- und Bildungsansprüche befriedigt werden. Das kommt der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises nahe, deren Verwirklichung weltweit allerdings noch aussteht.

Also versuchen die Sender mehr oder minder erfolgreich, allen oder zumindest vielen etwas zu bieten. Der Finanzierung wegen muss auch noch, insbesondere bei den Privatsendern, auf die Quote geschielt werden, was logischerweise dann auch zu unsäglichem Mist oder, um mit Dirty Harry Schmidt zu sprechen, zu „Unterschichtfernsehen“ führt.

Das, was beim „Deutsche Fernsehpreis“ ausgezeichnet wird, ist das jeweils Beste – oder sollte es zumindest sein – aus allen Bereichen, von den ganz edlen bis zu den „unterschichtigsten“ Kategorien. So kommt es dann, dass neben hervorragenden Produktionen auch Hirnamputationsveranstaltungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ gekürt werden oder geistige Kleingärtner à la Atze Schröder auf der Bühne herumturnen. In toto betrachtet darf sich das deutsche Fernsehen mit seinem breiten Spektrum jedoch zu Recht als eines der weltbesten auf die Schulter klopfen lassen. Wer zu suchen versteht, der findet nahezu täglich gute bis hervorragende Sendungen. Selbstverständlich ist (fast) nichts so gut, als dass es nicht noch besser werden könnte.

Soweit die Sachlage. Die hätte eigentlich auch ein Marcel Reich-Ranicki (MRR) kennen können. Er, dessen Verdienst um das deutsche Fernsehen gerade darin liegt, dass er es mit seinem „Literarischen Quartett“ schaffte, anspruchsvolle Literatur, also Hochkultur, vergnüglich und damit quotentauglich zu machen. Er, der sich damit der magischen Konvergenzgrenze von Masse und Klasse erstaunlich weit genähert hat.

Doch statt kenntnisreicher Milde sah er eine polternde Pauschalabrechnung als das Mittel der Wahl für diesen Abend an. Publikumswirksam geißelte MRR das Fernsehen ganz allgemein und die Galaveranstaltung im Besonderen als schlimmen Blödsinn, von dem er sich gehörig distanzierte. „Ich gehöre nicht in diese Reihe der (hier…) Preisgekrönten. Und ich finde das auch schlimm, dass ich das hier erleben musste.“

Na, gut. Es sei ihm unbenommen. Merkwürdig nur, das niemand auf die Idee kommt, etwa die Literatur als Ganzes als unzumutbar abzukanzeln, obwohl doch schon unendlich viel Schund und Schreckliches in Buchform erschienen ist. Vielleicht ist es von einem 88-Jährigen einfach zuviel verlangt, bei einer streckenweise tatsächlich öden Gala mehrere Stunden auf einem ziemlich harten Stuhl sitzen und dumm labernde Fernsehköche hören oder, als prolligem Höhepunkt, die Prämierung von DSDS ertragen zu müssen.

Zweiter Streich - Die Resonanz

Klar, dass sich nach diesem gern als Eklat titulierten Wutausbruch des MRR jede Menge Leute zu Kommentaren berufen oder herausgefordert fühlten. ARD-Intendantin Monika Piel zeigte sich erfreut darüber, dass die Qualitätsfrage des Fernsehens neu belebt werde. Allerdings, so Piel in WDR 2, müssten die Landesanstalten für Medien diese Frage vor allem endlich einmal mit den privatfinanzierten Sendern erörtern. Immerhin sei die Qualitätsbilanz dieses Abends für die ARD hervorragend gewesen. RTL-Chefin Anke Schäferkordt bilanzierte knapp: „Herr Reich-Ranicki würde aus gutem Grund ablehnen, mit Menschen über Literatur zu diskutieren, die keine Bücher lesen. Uns fällt es schwer, mit ihm über Fernsehen zu diskutieren, das er nicht schaut.“ Und etliche Tage später meldete sich auf der Frankfurter Buchmesse auch Günter Grass zu Wort, die Gelegenheit nutzend, sich an dem ungeliebten Kritiker für den einige Jahre zurückliegenden Verriss eines seiner Bücher zu revanchieren: „Er kritisiert das, was auf ihn selber zutrifft." Reich-Ranicki habe einst in seiner ZDF-Sendung „Literarisches Quartett" die Literaturkritik „trivialisiert". „Mit großem Geschrei" habe er dort eine „Ein-Mann-Show" inszeniert. Zu Unrecht werde er jetzt in den Medien als „rohes Ei" behandelt.
 

Ach ja, und dann hatte sich ja auch noch Frau Heidenreich zu Wort gemeldet, am Tag danach in der FAZ. Die Elke Heidenreich, die aus ihrem muckeligen Lesestübchen im ZDF immer so emphatisch Lesen! ruft. Sie diente sich ihrem verehrten Idol als Stütze an und gab es den „Programmdirektoren und Intendanten“ dann noch einmal so richtig, diesen „verknöcherten Bürokarrieristen, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso“. „Wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich“ Und sie schämte sich so schrecklich, dass sie bei einem von diesen „verlotterten Sendern“ arbeitet.

Verwundert fragt man oder frau sich allerdings, warum sie auf einen Rausschmiss wartet, warum sie nicht schon längst selbst gegangen ist. Wie sie es bei so viel „hirnloser Scheiße“ überhaupt so lange ausgehalten hat. Geklärt dagegen scheint, wie es zu einer solchen Ansammlung „hirnloser Scheiße“ bei der Preisverleihung kommen konnte: Man hatte ihr verwehrt, die Laudatio für MRR selbst zu halten. Heidenreich in der FAZ: „Wir (Reich-Ranicki u. Heidenreich, d. Aut.) waren uns einig, das der (Gottschalk) das nicht tun sollte, ich sollte es tun, nicht weil ich mich darum reiße, auf derartigen Veranstaltungen vorn zu stehen – es ist mir eher tief zuwider –, sondern weil ich näher dran bin, mit Reich-Ranicki mehr zu tun hatte und habe, eine Sendung mache, die in gewisser Weise die seine fortführt. Man hat mir aber gesagt nein, das mache Herr Gottschalk und aus.“ Oh, oh! Abgeblitzt also, weil der Sender die Laudatio nicht jemandem anvertrauen wollte, der „näher dran“ am Original, aber eben selbst keines ist. Und statt dessen jemand anderen beauftragte, der nicht "so nah dran", dafür aber selbst ein Original ist. Ja, das erklärt manches. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Zumal Reich-Ranicki tags darauf die Aussage der Möchtegern-Laudatorin auch noch dementierte und Gottschalk bescheinigte, dass der das „sehr liebevoll gemacht" habe und er sich gar  keinen anderen Laudator gewünscht habe.

Na, sei’s drum. Gleichgültig, ob Frau Heidenreich in ihrer muckeligen Lesestube nun weiterplaudert oder ob sie geht – oder gegangen wird. Es trifft mich nicht. Das Leben ist kurz und die Zeit zu kostbar, um sie mit mittelmäßigen Sendungen zu verbringen. Weshalb ich schon lange nicht mehr in Heidenreichs Lesestübchen hineinschaue. Schließlich gibt es gute Literatursendungen im deutschen Fernsehen. Solche, die authentische Informationen bieten, die fundierte eigene Meinungsbildung ermöglichen. Beispielsweise „Literatur im Foyer“, mal mit Thea Dorn, mal mit Martin Lüdke. Sehr empfehlenswert.

Wie auch immer: Der Wutausbruch wird als einer der Höhepunkte der Fernsehunterhaltung in Archive eingehen. Er hat nicht nur den Abend und etliche Leute lustig aufgemischt, sondern aufgrund der superschnellen, supergeschmeidigen Reaktion von Fernsehshowübervater Gottschalk eine Sondersendung zum Thema Fernsehen und Qualität evoziert.

Dritter Streich – 17. Oktober, ZDF

Es war eine intim anmutende Sendung, in der sich Quotengarant Gottschalk, der sich nach eigener Aussage mit seinen Showsendungen lieber an die Klofrauen als an das elitäre Feuilleton wendet, mit MRR über die Qualität des Fernsehens zu unterhalten versuchte. Die Erwartungen waren hoch. Die Essenz der Bemühungen lässt sich jedoch kompakt zusammenfassen. MRR ist der Ansicht, 1. dass die Fernsehleute, allen voran die Intendanten und Programmverantwortlichen, keine Ahnung vom Fernsehmachen haben, 2. dass Shakespeare der größte Unterhaltungsdichter der Geschichte und Bertolt Brecht das Richtige fürs deutsche Fernsehen ist , weshalb beider Stücke im Fernsehen mehr Beachtung finden sollten, und 3. dass vor zwanzig oder dreißig Jahren alles besser war.

 

Ein Meilenstein auf dem Weg zur Quadratur des Kreises? Ganz sicher nicht, eher eine weitere Veranstaltung in der populären Kampfsportart des Hornberger Schießens. Na, egal. Schwamm drüber.

 

 

                                             

© Christa Tamara Kaul