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Wir sind das Dschungelcamp! 

Frau Riekel und das wohlige Gefühl, selbst verschont zu bleiben

 

Christa Tamara Kaul | 28.01.2009

 

Kaum eine andere Sendung im deutschen Privatfernsehen lege so viel Wert auf Humor und Selbstironie wie das neue RTL-Dschungelcamp, verkündete Peer Schader bei Spiegel-Online Mitte Januar 2009. Na, sieh mal einer an, wie famos! Dachten sich so manche. Das war doch die perfekte Absolution für alle, die sich mit klammheimlicher oder offener Schadenfreude an den Widerlichkeiten dieses Ekelspektakels ergötzten.

 

Wie hätten sie sich alle freuen können, wenn - ja, wenn nicht kurz darauf Klaus Kreimeier bei der Frankfurter Rundschau jede Menge Essig in diesen famosen Wein geschüttet hätte. Von wegen Ironie, verlachte Kreimeier die journalistische Konkurrenz. Und mutmaßte, dass das  Privatfernsehen ironiefrei sei und jeder  Ironiker daher dort bald verhungern müsste, alldieweil, wie Kierkegaard meinte, der Ironiker ein Freund der Negativität sei und die Welt als "unvollkommene Form" betrachte, die sich permanent selbst zerstört. 

 

Das ist hart, doch, das ist hart. Fast so, wie es sein muss, lebendige Maden oder trieffrische Känguru-Hoden zu speisen und einen schleimigen Fischtrank zu sich zu nehmen. Aber, zum Glück zitiert Kreimeier auch noch Jean Paul. Und der versuchte die Menschen mit dem Unfassbaren zu versöhnen, indem er meinte, es gelte, die Unendlichkeit mit der kleinen, endlichen Welt "auszumessen" und zu "verknüpfen", damit ein Lachen entstehen könne, worin noch ein Schmerz und eine Größe sei.

 

Und wenn es um Größe, also um das Schöne, Wahre, Gute geht, dann ist meistens Patricia Riekel von der Bunten nicht weit und nicht mundfaul. So erklärt sie uns auch dieses Mal den Lauf von People's Welt - und das, zugegeben, durchaus raffiniert. Denn sie greift auf einen Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zurück, also einen, der wohl nach ihrer Meinung so weit vom Boulevard und People's Busen entfernt ist, dass sein Urteil per se glaubwürdig sein muss. Jener Kollege aber sah im Dschungelcamp ein „perfides Spiel“, das mit uns betrieben werde.

 

Genau das findet auch Frau Riekel und ergreift beherzt Partei für die Verdammten des australischen Urwalds: "Dabei ist gerade das Dschungelcamp eine großartige Gelegenheit zu beobachten, wie Menschen, denen niemand mehr etwas zutraute, sich buchstäblich von Schlamm und Dreck befreien und hoch erhobenen Hauptes zur Würde zurückfinden."

 

Ach, sooo! Das Dschungelcamp also eine Reha-Einrichtung für das ausgegrenzte Promi-Prekariat. "Wir fühlen uns den Kandidaten – mehr oder weniger abgetakelte Prominente – natürlich überlegen, weil sie sich scheinbar lächerlich machen. ... Tief in uns scheint etwas Archaisches zu wohnen, was sich immer dann am wohlsten fühlt, wenn es anderen schlecht geht." In der Tat, so kann man es sehen.

 

Und den Eigen-Beweis liefert Deutschlands "größtes People-Magazin" gleich mit. Seit langem lässt es Woche für Woche unter Leitung seiner Chefin die geneigte Leserschaft mit dem "Fehltritt der Woche" (http://www.bunte.de/style/fehltritt-der-woche_did_2480.html) vor dem erschauern, was die Glamoursociety der feingeistigen People-Welt an schlimmen Anblicken  zumutet. Wobei die Kommentare selbstverständlich konstruktiv zu verstehen sind. Etwa der  am 31. Oktober 2008 über Jessica Biels (u.a. Herzdame von Justin Timberlake) Couture-Wahl:
 

"Das Jeans-und-Shirt-Girl scheint für Gala-Roben kein Händchen zu haben. In ihrem unförmigen Louis Vuitton Kleid sieht sie jedenfalls aus wie auf einem 80er-Jahre Abschlussball. Und die Haare hätte sich die Gute auch mal machen können."

 

Ja, wahrlich, da kennt sich eine aus!  Schließlich herrscht ihr  Magazin mit dem "Fehltritt der Woche" und der Print-Rubrik "Wunderbar-Sonderbar" über niedliche hauseigene Dschungelcamps. Und wenn Frau Riekel aus dem Erfahrungsschatz des letzten  Dschungelcamps die Folgerung zieht: "Die Show will uns weismachen, dass sie entlarvt, was in den Kandidaten steckt – dabei sehen wir uns selbst im Spiegel", so kann nur der Jubel der befreienden Erkenntnis erschallen.

 

Ja, so ist es, genau so! Kaum eine Show könnte Riekels eigene Modeauftritte, etwa den im türkisfarbenen Hemdchen bei der Bambi-Preisverleihung 2008, besser spiegeln als der "Fehltritt der Woche" mit seinen Kommentaren. Und zig ebenfalls unpassend gewandete und zu dicke oder sonstwie nicht ins aktuelle Modetableau passende Wesen sitzen zu Hause oder beim Friseur und genießen mit diebischer Schadenfreude, wie andere ihr Out-fit-Fett wegkriegen. Oh, heiliges Dschungelcamp!

 

                                             

© Christa Tamara Kaul