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Völkerwanderung als Chance: Integration

 

mit Augenmaß statt archaischer Abwehr

 

Christa Tamara Kaul |  07.09.2015

 

Völkerwanderungen waren stets Zeiten mehr oder minder starken Umbruchs, oft auch Zeiten der Gewalt. Und bisweilen ließen sie sogar alte Reiche - wie etwa das römische Imperium - langsam aber sicher untergehen. In jedem Fall aber bewirkten sie immer kulturelle und politische Veränderungen. Auch unser Land wird sich angesichts der Migrantenströme verändern. Die Frage ist: Zum Guten oder zum Schlechten?

 

Weltweit sind derzeit etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht. In Zukunft könnten es noch mehr werden. Das ist nichts anderes als eine Völkerwanderung. Schafft es Deutschland, schafft es Europa angesichts der hierher strömenden Flüchtlingsmassen sein kulturelles Erbe, seine Werte, also seine Essenz zu behaupten?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als der Fall des Eisernen Vorhangs Europa  Anfang der 1990er Jahre die erste große Flüchtlingswelle nach dem Krieg brachte, kam es sehr schnell zu Abwehrreaktionen. Die steigerten sich mancherorts  zum Fremdenhass und einigen verheerenden Anschlägen. Bei dem Forschen nach den Ursachen meldete sich unter anderen der Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt zu Wort. Er erklärte, dass die Ablehnung alles Fremden, also die Fremdenfurcht, angeboren sei. In der Evolution habe sich die ethische und kulturelle Abgrenzung von allem Fremden als arterhaltend und daher als wichtig durchgesetzt. Worauf - in breiten Teilen der veröffentlichen Meinung -  ein Sturm der Empörung ausbrach. Dabei weiß doch schon ein uraltes Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Und das sagt, stark vereinfacht,  prinzipiell nichts anderes als Eibl-Eibesfeldt.

 

Jetzt führen wir angesichts etlicher Brandanschläge auf Flüchtlingsheime diese Debatte wieder. Allerdings deutlich anders, denn in wesentlich stärkerem Maß als die Fremdenfurcht zeigt sich derzeit eine empathische,  nahezu beispiellose  Hilfsbereitschaft breiter Kreise der Bevölkerung. Bundespräsident und  Kanzlerin äußerten sogar ihren Stolz darüber.

 

Wenn jetzt allerdings erneut in den "neuen" Bundesländern eine starke Ablehnung von Flüchtlingen zu verzeichnen ist. so sollte tunlichst die vereinfachte Form der oben genannten These, also das alte Sprichwort beachtet werden. Die Menschen im Osten Deutschlands sind nicht nur Erben der Abschottungspolitik des ehemals real existierenden Sozialismus, sondern wohnen weitgehend auch noch in bevölkerungsarmen, ländlichen Gebieten. Viele hatten kaum je Kontakt mit Ausländern. Das heißt, dass sie den Umgang mit "dem Fremden" längst nicht so gewohnt sind wie die Bevölkerung der "alten" Bundesländer. Wo sich die neue Willkommenskultur zudem vor allem in den urbaneren Lebenswelten zeigt. Wenn also "der Bauer" nicht frisst, was er nicht kennt, dann deshalb,  weil er aus weitgehender Unkenntnis voller Misstrauen Schaden fürchtet. Ein Gefälle zwischen Ost und West besteht nicht aufgrund von Gut und Böse, sondern vielmehr aufgrund selbstvertrauensstarker Weltläufigkeit, gewachsen in jahrzehntelangen Erfahrungen, und eben der weitgehenden Entbehrung solcher Erfahrungen. Die jetzt so erfreulichen Willkommensgesten der Deutschen gegenüber den Flüchtlingen lassen sich vor allem in den urbanen Ballungsräumen beobachten,  wo die Menschen schon lange den Kontakt mit Ausländern gewohnt sind.

 

Also alles nur eine Gewöhnungssache?

 

Nein, leider nur zum Teil. Zum einen, weil sich auch noch bei den größten Katastrophen, mit dem größten Leid Geld verdienen lässt. Mit gefälschten Pässen zum Beispiel, wie kürzlich ein Fund des Zolls von Paketen mit gefälschten und echten syrischen Ausweisen zeigte.  Dokumente, die bei eher zwielichtigen Flüchtlingen begehrt sind. Hier gilt es, diesen Kriminellen möglichst das Handwerk zu legen.

 

Zum anderen aber sollte bei allem Anlass zum Stolz über die berührende Hilfsbereitschaft so vieler Menschen in diesem Land nicht vergessen werden: Die wahren Herausforderungen kommen erst noch. Die wirklichen Schwierigkeiten liegen darin, die große Zahl auf ein Mal kommender Fremder langfristig zu betreuen, unterzubringen und in den nächsten Monaten und Jahren in unsere Gesellschaft angemessen zu integrieren. Angemessen heißt, ohne das dabei unsere viel diskutierten Werte verfälscht oder gar zurückgedrängt werden. Das  ist eine Herkulesaufgabe, für die es keine wirklichen Beispiele gibt. Auf keinen Fall darf es zur Entwicklung von (weiteren)  Parallelgesellschaften kommen, zu Entwicklungen wie etwa in Teilen Berlins oder in Duisburg-Marxloh, wo ganze Straßenzüge von aus dem Nahen Osten zugewanderten Familienclans beherrscht werden. Und zwar unter Missachtung unserer Gesetze.

 

Bei aller Gastfreundschaft muss klar bleiben, dass wir auf Einhaltung unserer "Hausordnung" bestehen. Wer am Grundgesetz und den darauf beruhenden Gesetzen vorbei oder gar dagegen lebt, hat hier nichts zu suchen.

 



                                             

© Christa Tamara Kaul