|
Zwei Nedas, eine Golmehr und viele Fragen
Eine Geschichte über die Fragwürdigkeit von Bildern
Christa Tamara Kaul | 07.02.2010
Was für eine Geschichte! Die
der zwei Nedas. Die der toten Neda
Soltan und die der lebenden Neda Soltani. Oder so ähnlich. Denn so
genau lässt sich das Gemenge aus richtigen und falschen Behauptungen,
die im Lauf der Zeit vor allem im Netz
kolportiert worden sind, kaum durchschauen. Nun brachte
das SZ-Magazin Anfang Februar eine neue Version der Geschichte
- mit der Erkenntnis, dass da zwei Frauen mit fast gleichem
Namen verwechselt worden seien. Eben die tote Neda, Ikone des
iranischen Widerstandes gegen die Diktatur, und die lebende Neda,
eine
Asylsuchende in Deutschland. Mit zwei Bildern und
der dazu
gehörenden Bildunterschrift sollte das untermauert werden.
Doch es erwachsen Zweifel. Nicht wegen des Artikeltextes, wohl
aber aufgrund der Bilder und ihrer Zuordnung. Werden da
tatsächlich zwei verschiedene Gesichter, also zwei Nedas gezeigt,
und wenn ja, auch der jeweils richtigen Person zugeordnet?
Um es klar und deutlich vorweg zu sagen: Es
geht nicht darum, ob die Geschichte von den beiden verwechselten
Frauen in allen Einzelheiten stimmt oder nicht. Das kann und soll
hier nicht beurteilt werden. Traurig und erschütternd ist das Schicksal
beider Frauen allemal. Doch das ist nicht das vorrangige Thema, auch nicht im
genannten SZ-Beitrag.
Der Fokus des SZ-Magazin-Beitrages mit
seinem (ehemaligen, inzwischen geänderten) vollständigen Titel "Die
unglaubliche Geschichte der Neda Soltani - vom Versagen der Medien
und Social Networks" liegt, wie schon der Titel es sagt,
vor allem auf der Rolle von
Medien und "Social Networks". Es wird dargelegt, wie nahezu alle
traditionellen Medien,
Blogs und sozialen Netzwerke an der richtigen Zuordnung
von Bildern und damit gleichzeitig auch an der Wahrheit gescheitert
sind. Denn sie sind mit Bildern leichtfertig umgegangen.
Und genau hier greifen auch die Zweifel
an dem SZ-Magazin-Beitrag. Denn die zwei
Fotos, die nun jeweils die angeblich "richtige" Neda zeigen
sollen, wirken
eigentümlich geklont und auch phototechnisch
verändert. Sollte jedoch abermals zumindest einer der Frauen, und zwar
der toten Neda, der Widerstandsikone, ein falsches Bild zugewiesen
worden sein, so wäre dem "unglaublichen Versagen
der Medien und Social Networks" ironischerweise die Krone
aufgesetzt worden.
Dass mittlerweile
auch bei anderen Leuten Zweifel an der Authentizität der Bilder angekommen sind, zeigt die Tatsache, dass die zweite
Hälfte der Überschrift, also der Bezug auf das Medienversagen, auf der SZ-Magazinseite nicht (mehr) zu finden ist. Wohl
steht er nach wie vor auf der
Seite der Ruhrbarone, deren einer der Autor David Schraven ist. Und
bei BILD-Online, wo am 5. Februar zunächst ein ins Auge springender
Referenzbeitrag zum SZ-Artikel eingestellt worden war, verschwand
dieser Artikel schnell und völlig sang- und klanglos noch am selben
Tag.
Ein
Blogger namens
Arne Hoffmann
zitiert den Autor der Neda-Story:
"Die Geschichte ist nicht nur die Geschichte des Versagens der
traditionellen Redaktionen in hektischen Nachrichtenzeiten. Diese
Geschichte beschreibt auch das Versagen der sozialen Medien. Die
Masse hat im Netz nicht nur die Macht, Lügen zu entlarven. Die Masse
kann auch eigene Wahrheiten erschaffen und verteidigen. Egal wie
falsch die sind."
Wohl wahr - das alles. Nur - das betrifft nicht nur den Neda-Fall.
Und bei dem SZ-Korrekturversuch scheint die gute Absicht im trüben
Desinformationstümpel - zumindest partiell und ganz sicher
unbeabsichtigt - leider auch versackt zu sein. Wie zuvor in so
vielen anderen Medien eben auch. Wie trübe der Tümpel der
Desinformationen ist, zeigt in schlichtester Weise

eine
Seite von
Iran.Live. Auf ihr sind fröhlich nebeneinander die wohl tatsächlichen
Bilder der beiden Nedas zu sehen und offensichtlich sogar mit der richtigen
Namenszuweisung. Was die Betreiber der Seite aber nicht davon
abhält, die beiden Gesichter mit ein und derselben Geschichte, der von der toten Neda, zu
vereinnahmen (vereinnahmen zu lassen). Die dazu gehörenden Videos
sind allerdings inzwischen gelöscht.
Aber nun zum Kern der Sache, zu den Zweifel erweckenden Bildern im SZ-Beitrag, dem Corpus
Delicti sozusagen. Auffällig ist, dass die beiden Frauen nicht nur
nahezu identische Namen tragen, sondern auf den Bildern auch noch mehrere eigentlich alleinstellende Merkmale
teilen. Da sind als Auffälligstes die Augenbrauen. Nicht nur
ihre Form ist beiden Frauen gemeinsam, sondern auch die Abstände zu
den jeweiligen Augenwinkeln und zur Nasenwurzel gleichen sich.
Ebenso gleichen sich die Breite des Mundes und die jeweilige Distanz zwischen Nasenspitze und
Mund sowie zwischen Mund und Kinn.

Hinzu kommt die nahezu gleiche
Bildposition - was Haltung, Neigung, Drehung des Kopfes angeht.
Alles zusammen genommen - Namen, Aussehen, Haltung - ein
bisschen viel der
Übereinstimmungen. Das weckt unweigerlich Misstrauen. Und dieser Eindruck,
da ein irgendwie falsches Abbild - sei es bearbeitet, geklont oder
sonst etwas - vor sich zu haben, hängt ganz sicher nicht damit
zusammen, dass für Europäer angeblich alle Perserinnen, zumal solche
mit Kopftuch, gleich aussehen, was
besonders schlaue Zeitgenossen oft glauben behaupten zu müssen. Das
ist bestenfalls Flachsinn, vielleicht aber auch schlimmer, nämlich
eine (unbewusste?) Abwertung der Frauen - nach dem Motto: Perserin:
weiblich, jung, hübsch. Was brauch's da mehr?
Ach ja und noch etwas: Laut Facebook hat die auf der SZ-Abbildung links zu sehende Dame mit dem Namen Neda rein gar nichts am Hut,
sondern heißt Golmehr Irani! Aber was heißt das schon in
einer Zeit, wo Bilder so ziemlich alles sagen können,
bisweilen vielleicht auch mal die Wahrheit. Und wo die Masse sich eigene
Wahrheiten erschaffen und verteidigen kann. Egal wie falsch die
sind.

Neda ist persisch (= farsi) und heißt Stimme - auf Englisch voice.
Das Medienrauschen um die eine verstummte und die andere,
offenbar immer wieder überhörte Stimme hat sich mittlerweile zur
Kakophonie ausgewachsen.

|