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Autoren gegen Verleger gegen Suchmaschinenbetreiber

 

Oder: Burda gegen Google

 

Christa Tamara Kaul | 01.07.2009

 

Arno Schmidt soll einmal gesagt haben "Alle Verleger sind Schufte", und Kurt Tucholsky wird die morbide Erkenntnis zugeschrieben "Die Verleger schlürfen aus den Hirnschalen ihrer Autoren Champagner". Vielleicht stammt das aber auch von Erich Kuby. Oder doch eher von dem 1931 verstorbenen Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf? Wer auch immer es zuerst gesagt hat, es klingt jedenfalls so, als sei's von heute.

 

Oder anders herum: So neu, wie es im ersten Moment scheint, ist das nicht, was sich hinter den aktuellen Vorstößen von Verlegern hinsichtlich einer Leistungsschutzabgabe verbirgt. Adressaten sind Suchmaschinenbetreiber wie Google, von denen sich die Verlage um Gewinne geprellt sehen. Denn die ansehnlichen Werbeeinnahmen könnten die Suchmaschinenbetreiber nur aufgrund der im Netz  zu findenden Inhalte erzielen. Und die stammten größtenteils von Verlagen.

 

"Wir werden schleichend enteignet", donnerte Hubert Burda kürzlich in der FAZ und forderte einen  ordentlichen Anteil an den Google-Einnahmen. Das Anspruchsverhalten der Verlage ist allerdings auch nichts Neues. Schließlich geht es um Geschäfte, da müssen erst einmal Maximalforderungen aufgestellt werden, nach dem Motto: He, Google, gib mir mehr vom Werbungskuchen ab. Schließlich können Suchmaschinen nur das finden, was zuvor von Verlagen ins Netz gestellt wurde. Dass Google das ganz anders sieht, überrascht nicht.

 

Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten aber glauben da ihren Augen und Ohren kaum zu trauen. Schließlich ist es genau das, was sie ihrerseits den Verlagen schon seit Jahren  vorwerfen. Dass diese sich nämlich in unverhältnismäßiger Weise an ihren Werken bereichern, vor allem seit dem Beginn der Digitalisierung von Inhalten. So sehen die eigentlichen Urheber der Inhalte am wenigsten von dem Geld, das mit ihrer genuinen Arbeit verdient wird.

 

Klar, dass in Zeiten wie diesen, also in medialen Umbruchssituationen, nahezu alle Federn lassen müssen. Doch rechtfertigt das noch lange nicht die durch Knebelverträge und Minimalhonorare indirekt zum Ausdruck gebrachte Überzeugung, dass gute Journalistinnen und Autoren nur Geld kosten, aber wenig einbringen; und dass es der Verleger ist, der überhaupt noch die Lage meistern und im Zweifelsfall auch jeden Redakteur jederzeit durch einen anderen ersetzen kann.

 

Tja, und nun finden sich die einstigen Herren der Macht in der Rolle der Abgebügelten, die Rolle, die viele ihrer Autoren seit langem kennen, und die Suchmaschinenleute lachen ob ihrer Gewinne mit neuen Geschäftsmodellen. So, wie eben Quasi-Monopolisten lachen können. Und die Journalisten? Viele scheinen klammheimlich auf der Seite von Google und Co. zu stehen. Und das ist kurzsichtig.

 

Denn die Erlösverlagerung weg vom Verlag hin zur Suchmaschine trifft letztendlich auch und gerade die eigentlichen Inhaltsproduzenten, die "Kreativen".  Die Verlage als Unternehmen können notfalls ihre Produktpalette schnell ändern - hin zu Regenschirmen, Hörbüchern oder sonstewas. Ob jedoch die Medienmenschen als jeweils einzelne tatsächlich zu Unternehmern ihrer selbst und adäquaten Geschäftspartnern der Google-Seite werden, steht in den Sternen, und zwar in fernen Galaxien.

 

Die augenblickliche Sympathie vieler Journalisten für die Googles dieser Welt dürfte daher weniger auf rationalen Beweggründen basieren, sondern eher darauf, dass "die Verleger" seit langem zum Feindbild geworden sind. Doch nur weil Herr Burda eine Eloge auf das Verlagswesen veröffentlichte, hat die gegnerische Partei, also Google & Co., noch lange nicht das Recht auf ihrer Seite.

Viel dringender ist die Frage, wie, da etliche Verlage mittlerweile offensichtlich auf der
Roten Liste der aussterbenden Arten stehen, die Medienleute, also die
eigentlichen Inhaltsproduzenten, die entstehende Vermittlungslücke schließen können.
 

Google & Co. als Partner? Suchmaschinenbetreiber sind Unternehmen, die ihren Aktionären verpflichtet sind und möglichst viel Gewinn erzielen müssen. Ob da das
Schwächeln der Verlage die Position der Journalisten stärkt, ist mehr als fraglich. Heute schon lässt sich sagen, dass Firmen, die hauptsächlich über Adsense Geld verdienen, gut auf Qualitätsjournalismus verzichten können. Sie brauchen nur Schnellschreiber, die viel verbalen Ausstoß produzieren und überall auf der Welt sitzen können. Gewerkschaften oder ähnliche Zusammenschlüsse laufen da ins Leere und damit ins Aus.
 

Doch, wie eingangs schon betont, so neu sind die aktuellen Feindbilder nicht.  Und immerhin gab es ja nicht nur die Erkenntnisse "Alle Verleger sind Schufte" oder "Die Verleger schlürfen aus den Hirnschalen ihrer Autoren Champagner", sondern auch Hymnen an wunderbare Ausnahmeverleger und Edelmenschen. Heinrich Heine konnte seinen Verleger Campe gar nicht genug preisen und besang ihn so (aus: Wintermärchen, Caput XXIII):

Ich aß und trank, mit gutem App'tit,
Und dachte in meinem Gemüte:
Der Campe ist wirklich ein großer Mann,
Ist aller Verleger Blüte.

Ein andrer Verleger hätte mich
Vielleicht verhungern lassen,
Der aber gibt mir zu trinken sogar;
Werde ihn niemals verlassen.

Ich danke dem Schöpfer in der Höh',
Der diesen Saft der Reben
Erschuf, und zum Verleger mir
Den Julius Campe gegeben!

 

So holprig,  wie die Reime daherkommen, liegt die Vermutung nahe, dass schon sehr viel des edlen Rebensaftes durch des Dichters Kehle geflossen sein muss. Das lässt auf ein angemessenes Honorar schließen.

 

                                             

© Christa Tamara Kaul