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Es war nicht alles schlecht 

Oder: Richlings Werk und Rethers Plunder
 

Christa Tamara Kaul | 11.01.2010

 

2009  -  ein Jahr der Superlative: Superwahljahr, Superversprechungen, Superinsolvenzen, Superabfindungen und eine Supertalfahrt der SPD. Über allem kreiste fröhlich der Pleitegeier. So die kurzgeschrumpfte Jahrescharakteristik von Mathias Richling und Kollegen. 2009 - ein Geschenk für Kabarettisten.

 

Das kennen wir ja bestens aus dem Fernsehen: Jahresrückblicke einschließlich entsprechender  Kommentare, die uns die Welt erklären. Da wollten Mathias Richling und sein Satiregipfelteam nicht nachstehen und verwandelten dementsprechend die Bühne zum  Nachrichtenstudio. Chefsprecher Richling mischte dabei die Politik durch straffe Analysen und gnadenlose Parodien -  überflüssigerweise  auch durch etliche Grimassen - neu auf und konnte zudem auf kompetente Kollegen im Außendienst, sozusagen  Korrespondenten "vor Ort", zugreifen.

 

Philipp Weber erwies sich dabei als Garant  zielsicherer  Erklärungsmodelle, die mit Witz den Wahn gesellschaftlicher Nöte von Beziehungsangst bis Konsumterror einsichtig machten. Mit der Kraft metaphysisch tief  gelegter Betroffenheitslyrik lockerte Olaf Schubert, Deutschlands profiliertester Rhombenpullifetischist, auch bei den Verstocktesten die verspannten Lachmuskeln. Ingolf Lück schließlich, in punkto Schlagfertigkeit bereits bestens erprobt in der SAT1-Wochenshow, trat als Korrespondent vor Ort allüberall noch einmal kräftig nach und brachte die Atmosphäre der weiten Welt ins Studio, bissig, hintergründig, komisch.

 

Die Notenskala reicht für alle von frech und witzig bis hintersinnig und  pointensicher, so dass dem Bildungs- und Informationsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender bestens (juristisch: vollumfänglich) Genüge getan wurde. Gegen diese Verwendung meiner GEZ-Gebühr habe ich nichts einzuwenden. Oder, sagen wir mal, fast nichts. Denn da war schließlich noch einer, der zwar intellektuell kabarettistisch gesehen nicht ins Gewicht fällt, wohl aber am öffentlich-rechtlichen Honorartropf hängt, der fast zweitschönste Mann des deutschen Kleinkunstzirkus: Hagen Rether.

 

So oft ich diesen Kleinkünstler bisher erlebt habe, habe ich mich gefragt: Was hat der eigentlich hier verloren? Und vor allem: Wofür um alles in der Welt hat er 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis bekommen?

 

Na, gut, gleiches habe ich mich und haben sich andere auch gefragt, als Dieter Bohlen im selben Jahr für seine DSDS-Show mit dem Deutschen Fernsehpreises in der Kategorie „Beste Unterhaltungssendung/ Beste Show“ bedacht wurde. Vielleicht lag es am Jahr 2008, vielleicht war da gerade bei den Juroren Pöbeln als preiswürdig angesagt.

 

Wie auch immer - im Falle Rether jedenfalls spielen sich die Auftritte in der Regel so ab: Da sitzt  Deutschlands fast zweitschönster Kleinkünstler - von der Statur her allerdings ein ziemlich langer -  auf der Bühne und klimpert auf einem Klavier herum. Dazu plaudert er so vor sich hin und schwenkt den Kopf mit dem langen, lackglänzenden Haar, das zu  einem prächtigen Schwanz  zusammengebunden ist, immer wieder zum Publikum hin. Eine Art Singsang entweicht ihm zwischen den perlweißen Zähnen, doch - leider ohne Witz, keine Komik, keine Parodie, keine Satire, sondern schlichter Agitprop, unverschlüsselte politische Kampfparolen, nicht selten von der Art, die einem Verblichenen namens Goebbels Ehre machen würden, man könnte also auch sagen: simple Hetze. Bildschön anzusehen allerdings, wie er jedes Mal, wenn er glaubt, irgendeinen Tiefschlag gelandet zu haben, mit aufgerissenen Augen so selig wie ein frisch gevögeltes Eichhörnchen ins Publikum guckt. Was ja auch wirklich, also der Blick, zum Schwanz passt, um den ihn so manches Eichhörnchen beneiden könnte.

 

Der Katholizismus an und für sich hat ebenso die Ehre zu den Elementarteilchen von Rethers Panoptikum des Bösen zu gehören wie beispielsweise die Publizisten Henryk M. Broder und Ralph Giordano. Etwas schwerer fällt es ihm  derzeit, seinen Antiamerikanismus weiter zu kultivieren, da ihm mit Bush mittlerweile einer seiner Hauptpappkameraden abhanden gekommen ist. Doch er findet locker Ersatzbefriedigung in dem Bemühen, uns immer wieder die Verderbtheit etwa von Benedikt XVI. vor Augen zu führen. Einmalig ergreifend sein Aufschrei gegen die Gefühllosigkeit - eines Autos! Ja, tatsächlich, er verzehrte sich im Schmerz wegen des "gegen jedes Mitgefühl gepanzerten Papamobils". Das muss man erst mal sprachlos genießen. Um dann zu hoffen, dass dem Meister solch "kantianischer Mission", wie ein Jörg Meyer dereinst in den Kieler Nachrichten schwafelte, ein Peugeot oder BMW oder welches Gefährt auch immer vergönnt sein möge, das mehr Mitgefühl empfindet.

 

Vielleicht war's bei den Preisverleihungen im Jahr 2008 tatsächlich so, dass die Leute mit den dümmsten Sprüchen prämiert wurden. Die Kürung von Bohlen und Rether jedenfalls legen diese Vermutung nahe. Etwa dieser Glanzpunkt Retherschen Neuronalausfalles: „Wir wollen jetzt bloß noch eure Rohstoffe und eure Töchter ficken (ähm, wie fickt man eigentlich Rohstoffe?)  – stellen Sie sich vor, hier würden dauernd asiatische Rentner nach Deutschland fliegen, um unsere Töchter zu ficken, und die Söhne könnten auch nichts machen, denn die müssen Fußbälle nähen für die asiatische Championsleague – da gibt's doch denn einen oder anderen Vater hier im Saal, der sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen möchte.“  Rether, der Terroristenversteher.

 

Aber nichts auf der Welt ist nur schlecht. Selbst Rether hat helle Momente. "Wir müssen mal uns um den Balken im eigenen Auge endlich kümmern, aber man sieht den so schlecht, weil da ja halt der Balken drauf ist, und da kannste schlecht gucken mit dem Balken im Auge auf den eigenen Balken, das funktioniert nicht.“  Tja, dem ist - außer ein paar grammatikalischen Korrekturen - nun wirklich nichts entgegenzusetzen. Dumm nur, dass er "ihr" meint, wenn er "wir" sagt, und gemäß eigener Aussage die Balken, ach was sag ich, die Holzstapel in seinen Augen nicht erkennt.

 

Aber  was soll's - weder wegen Bohlen noch wegen Rether wird das Abendland untergehen. Wobei Bohlens Dummfaselei allerdings den großen Vorteil hat, dass damit keine Rundfunkgebühren verschleudert werden.

 

"Satiregipfel":

Das Erste - 30.12.2009

3sat - 09.01.2010

 


                                             

© Christa Tamara Kaul