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Wenn aus Liebe Kunst wird –
oder
eine persönliche Katastrophe
Künstlerpaare im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
Christa Tamara Kaul | 03.11.2008
Die
Ausstellung zeigt 110 Werke, die im
schöpferischen Dialog und gemeinsamen Schaffen von 13 Künstlerpaaren
entstanden sind. Wie die biographischen Angaben zu den
einzelnen Paaren offenbaren, gingen Eros und Genius, Zuneigung
und Kreativität zwar
immer eine schicksalhafte, aber selten eine dauerhaft glückliche
Verbindung ein.
Die Auswahl der Künstlerpaare (Namen siehe unten) hing nach
Aussage von
Kuratorin Barbara Schaefer nicht zuletzt von formalen Faktoren wie
der Verfügbarkeit ab. So stammen nur drei Bilder aus dem eigenen
Bestand, die übrigen sind Leihgaben aus der gesamten Welt. Es hätten auch 13 andere Paare sein können, erläuterte die Kuratorin
, oder, den entsprechenden Platz vorausgesetzt, über 100. Denn so viele
Künstlerpaare habe man mittlerweile in der Kunstgeschichte entdeckt.
Doch so wie in der aktuellen Ausstellung wurde das Thema bisher noch
nicht präsentiert.
Die entsprechenden Anstöße kamen aus mehreren Richtungen. So hat die Gender-Forschung
seit den 1970er-Jahren ein vielfältiges Wissen zum Thema „Frauen
und Kunst“ zusammengetragen, darunter auch Veröffentlichungen,
die speziell dem Thema der Künstlerpaare gewidmet sind, etwa die
von Gisela Kleine zu Gabriele Münter und Wassily Kandinsky oder die
Publikationen von
Karoline Hilles zum Paar Hannah Höch und Raoul Hausmann sowie zu Max
Ernst und seinen Frauen. Auch die Publikation "Liebe Macht Kunst"
von Renate Berger aus dem Jahr 2000 ist hier zu nennen. Darüber
hinaus gaben
Ausstellungen wie die vom Kunstmuseum Bern konzipierte Reihe
Künstlerpaare – Künstlerfreunde oder die Jenaer Ausstellung von 1994
zu Künstlerpaaren der Gegenwart Impulse zu der aktuellen
Ausstellung.
Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler:
1. Camille Claudel (1864-1943) & Auguste Rodin (1840-1917)
2. Paula Modersohn-Becker (1876-1907) & Otto Modersohn (1865-1943)
3. Marianne von Werefkin (1860-1938) & Alexej von Jawlensky
(1864-1941)
4. Gabriele Münter (1877-1962) & Wassily Kandinsky (1866-1944)
5. Natalia Gontscharowa (1881-1962) & Michail Larionow (1881-1964)
6. Hannah Höch (1889-1978) & Raoul Hausmann (1886-1971)
7. Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) & Hans Arp (1886-1966)
8. Sonia Delaunay-Terk (1885- 1979) & Robert Delaunay (1885-1941)
9. Georgia O’Keeffe (1887-1986) & Alfred Stieglitz (1864-1946)
10. Frida Kahlo (1907-1954) & Diego Rivera (1886-1957)
11. Lee Krasner (1908-1984) & Jackson Pollock (1912-1956)
12. Ray Eames (1912-1988) & Charles Eames (1907-1978)
13. Niki de Saint Phalle (1930-2002) & Jean Tinguely (1925-1991)
Wallraf-Richartz-Museum, Köln, bis 8. Februar 2009
Der hervorragend informativ zusammengestellte Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet 39 Euro.
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Bild oben: Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely
Bild unten: Georgia O`Keeffe, Mohnblumen
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Vorwort
des Kataloges
Seit den ausgehenden 1980er-Jahren sind Buchmarkt wie auch
Ausstellungsszene von einer Welle von Abhandlungen zum Thema „Paare“
überspült worden. Warum also eine weitere Publikation zu dieser
Thematik? Tatsächlich sind tragische Liebesgeschichten wie die des
Paares Claudel–Rodin hinlänglich bekannt. Publikumsträchtig
vermarktet, mit internationaler Starbesetzung verfilmt, sind sie im
Gedächtnis einer breiten Öffentlichkeit haften geblieben. Während
also einzelne, meist »prominente« Künstlerverbindungen entsprechend
ihrer Popularität eingehend in Ausstellungen wie auch in
Publikationen Berücksichtigung gefunden haben, steht eine
Ausstellung, die eine übergreifende Darstellung bietet, noch aus.
Künstlerpaare. Liebe, Kunst und Leidenschaft rückt deshalb das
Paarthema anhand einer größeren Anzahl von Künstlern in den
Mittelpunkt und untersucht – im historischen und soziokulturellen
Kontext – deren Arbeits- und Beziehungsmuster.
Dreizehn Paare stellt die Ausstellung vor, erzählt von deren Leben
und richtet den Fokus auf das künstlerische Schaffen der gemeinsam
verbrachten Jahre. Zugegebenermaßen konnte die Auswahl der
präsentierten Paare nur eine subjektive sein – schließlich galt es,
sich zwischen mehr als 170 Künstlerpaaren aus dem Bereich der
bildenden Kunst »zu entscheiden«.1 So sei vorangeschickt, dass die
getroffene Auswahl keineswegs suggerieren darf, einzelne, nämlich
die präsentierten, Paare wären bedeutender als andere,
beziehungsweise nicht ausgestellte Paare seien bewusst
unberücksichtigt geblieben. Die Wahl hätte durchaus auch auf andere
Künstlerpaare fallen können. Aber wie so häufig galt es natürlich
auch bei diesem Projekt, die Leihgabensituation zu berücksichtigen
und Gegebenheiten organisatorischer wie nicht zuletzt auch
räumlicher und finanzieller Art in die Konzeption mit einzubeziehen.
Dabei wurde jedoch stets der Zielsetzung Rechnung getragen, Paare zu
behandeln, deren Werk besonders anschaulich von der gegenseitigen
Beeinflussung der Künstler zeugt. Allerdings meint »dreizehn Paare«
immer auch »sechsundzwanzig Künstler« – jeder davon eine singuläre
Künstlerpersönlichkeit mit einem ganz eigenständigen Œuvre.
Natürlich weist auch die Kunst der Gegenwart bedeutende
Künstlerpaare auf. In dieser Ausstellung geht es jedoch vor allem um
die Entstehung und Manifestierung der Paarbeziehung in der bildenden
Kunst, womit der Schwerpunkt auf die Klassische Moderne gelegt ist.
Daneben finden aber auch repräsentative Beispiele aus der Moderne
Berücksichtigung. In der Konsequenz richtet sich das Augenmerk im
ersten Teil der Ausstellung überwiegend auf Künstler aus Deutschland
und Frankreich, wohingegen im zweiten Teil der Sprung über den
Atlantik, nach Amerika und Mexiko, getan wird. Beginnend mit dem
Paar Claudel–Rodin, spannt sich so der Bogen über den
Expressionismus und die Künstlergemeinschaft Der Blaue Reiter, über
den russischen Primitivismus und Rayonismus, über Dadaismus und
Orphismus bis hin zum amerikanischen Realismus und zum Action
Painting.
Wie zu sehen sein wird, blieb der Lebensweg einiger der behandelten
Künstler nicht frei von Skandalen, Ausschweifungen oder
Verzweiflungstaten, die auf künstlerische Selbstkritik oder privates
oder berufliches Scheitern zurückzuführen waren. Daneben treten aber
auch Paare in den Fokus, die dauerhaft – im Leben wie in der Kunst –
eng verbunden waren und deren künstlerische Entwicklung in vielen
Phasen parallel und in enger Anlehnung an das Schaffen des anderen
verlief.
Ausstellung wie Katalog widmen sich Paarkonstellationen aus dem
Bereich der Malerei und Bildhauerei sowie der angewandten Kunst und
der Fotografie. Künstlerdynastien, Künstlerbrüder und -schwestern
oder auch Paare aus Musik, Schriftstellerei oder Schauspiel und Film
sind nicht Gegenstand der Untersuchung, ebenso wenig Beziehungen von
Künstlern zu selbsterklärten Musen, zu Modellen oder Mäzenen.
Der Katalog versucht, was die Ausstellung – schon ob begrenzter
Ausstellungsfläche – nicht zu leisten imstande ist: eine
»Entwicklungsgeschichte« der Künstlerpaar-Beziehungen aufzuzeigen,
ausgehend von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Auf diese Weise werden auch Künstlerpaare vorgestellt, die nicht mit
Werken in der Ausstellung vertreten sind, im Hinblick auf die
Wertemuster der jeweiligen Epoche jedoch ebenfalls wichtige
Erkenntnisse liefern. Von Judith Leyster und Jan Miense Molenaer,
einem Künstlerpaar des 17. Jahrhunderts, bis zu Gilbert & George
reicht das Spektrum der Essays.
Vorangestellt ist ein Beitrag von Valeska von Rosen zu den
Väter-Töchter-Beziehungen in Renaissance und Barock, als Malerinnen
wie Lavinia Fontana oder Artemisia Gentileschi – auf der Basis von
Werkstatttraditionen – in den Ateliers ihrer Väter zu berühmten
Künstlerinnen heranreiften und auf diese Weise überhaupt erst die
Grundlagen für eine weibliche künstlerische Profession legten. Wie
unterschiedlich sich in den folgenden Jahrhunderten die Bedingungen,
unter denen Kunst entsteht, für Männer und für Frauen gestalteten,
machen die weiteren Beiträge deutlich.
Wie Pieter Biesboer ausführt, begünstigte die gesellschaftliche
Ungleichstellung der Frau im Holland des 17. Jahrhunderts nicht eben
eine Laufbahn als professionelle Künstlerin. Davon, dass jedoch ein
unbeirrbarer Wille und Ehrgeiz, sich professionell als Künstlerin zu
betätigen, durchaus zum Erfolg führen konnten, zeugt das Beispiel
Judith Leysters. 1633 das erste weibliche Mitglied der Haarlemer
Malergilde, etablierte sie sich als selbstständige Künstlerin,
führte ein eigenes Atelier und bildete selbst Schüler aus. Wenn es
auch nach ihrer Heirat mit dem Malerkollegen Molenaer still um sie
wurde, sie fortan nur noch die Geschäfte der großen
Molenaer-Werkstatt führte und eine ganze Schar an Kindern gebar:
Judith Leyster war zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung in der
männlich dominierten Kunstwelt der Zeit avanciert.
Bettina Baumgärtels Beitrag führt uns weiter ins 18. Jahrhundert,
das Zeitalter der Aufklärung. Die Diskussionen, die damals anhoben
über die Gleichberechtigung der Geschlechter, ermunterten die
Frauen, dieselben Bildungschancen einzufordern, wie sie den Männern
geboten wurden, und häusliche Pflichten gegen neue Wirkungsbereiche
einzutauschen. Ließ tatsächliche Gleichberechtigung auch noch länger
auf sich warten, und standen Frauen in der Regel weiterhin in
rechtlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Männern, lassen
Künstlerinnen wie Angelika Kauffmann oder Elisabeth Vigée-Le Brun
aufhorchen. Nicht ohne gegen »weibliche Verhaltenskodizes« zu
verstoßen, brachten sie es auf dem männlich dominierten Parkett der
Kunst zum Erfolg, waren genau genommen gar die dominierenderen
Künstlerpersönlichkeiten.
Ekaterini Kepetzis’ Aufsatz handelt im Folgenden von zwei
Künstlerpaaren der viktorianischen Zeit – jenen Jahren, als
Großbritannien großen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen
Veränderungen unterworfen war. Auch dort begannen damals Frauen –
nicht zuletzt auch im Bereich der bildenden Kunst –, überkommene
Strukturen zu hinterfragen und gegen die Ungleichbehandlung in den
Ausbildungsmöglichkeiten zu protestieren. Die Geschichte der beiden
behandelten Paare, Elizabeth Siddal und Dante Gabriel Rossetti sowie
Laura Epps und Lawrence Alma-Tadema, zeugt davon, wie verschieden
sich in jener Zeit des Wandels Paarkonstellationen darstellen
konnten: Die Begriffe „Anpassung“ und „Revolte“ benennen dabei die
Pole, zwischen denen sich das Zusammenspiel von Partnerschaft und
künstlerischer Kooperation bewegte.
Weiter geht es nach Skandinavien, wo – wie Elisabeth Fabritius
ausführt – die Künstlerpaare Ancher, Larsson und Krohg am Ausgang
des 19. Jahrhunderts zu den Modernisten zählten; wie auch zu
Vorkämpfern für Gleichberechtigung in Gesellschaft und Beruf. Dabei
können auch hier wieder unterschiedlichste Lebens- und Arbeitsmuster
beobachtet werden: Während sich die Anchers unter gleichen
Bedingungen ihrer Profession widmeten, galt es für Michael Krohg,
die ausgeprägt eigensinnige Persönlichkeit seiner Frau in Kunst und
Leben zu respektieren. Fast paradox mutet hingegen die Geschichte
Karin Larssons an, einer vielversprechenden jungen Künstlerin, die
ihrem Mann das Feld überließ, sich im gemeinsamen Heim der
Dekoration des Interieurs widmete – um sich schließlich auf diesem
Gebiet wiederum einen besonderen Namen als Künstlerin zu machen.
Fast zeitgleich führten in Paris die Wege Camille Claudels und
Auguste Rodins zusammen; von deren aufs Engste verknüpften Lebens-
und Arbeitsgemeinschaft erzählt der Essay von Anne Rivière. Claudel
wird Schülerin und Gehilfin, bald auch Geliebte des berühmten
Meisters; deutlich legen ihre Werke zunächst Zeugnis ab vom Einfluss
des Älteren, ehe sich Claudels Kunst ab etwa 1893 vom Vorbild des
überstarken Meisters zu emanzipieren und zu eigenständiger Identität
zu gelangen vermag. Dass diese Entwicklung mit dem Ende der
Liebesbeziehung zusammenfällt, mutet tragisch an, doch muss der
zugegebenermaßen anrührende Mythos von der jungen Frau, die nach dem
Scheitern der Liebesbeziehung – vom Geliebten und von der eigenen
Familie im Stich gelassen – dem Wahnsinn anheim fällt, kritisch
hinterfragt werden.
Mit Marina Bohlmann-Modersohns Beitrag kehren wir dann zurück nach
Deutschland und besuchen die Künstlerkolonie Worpswede an der Wende
vom 19. zum 20. Jahrhundert. Hier begegnen wir mit Paula
Modersohn-Becker einer Künstlerin, deren Berühmtheit zum heutigen
Tage die ihres Mannes bei Weitem überstrahlt. War Otto Modersohn zu
Lebzeiten auch der bekanntere Künstler, so hatte auch er die
Besonderheit und Einzigartigkeit der Kunst seiner Frau bereits
erkannt. Mit ihrer an den Errungenschaften der modernen Kunst der
Zeit orientierten, absolut selbstbestimmten Malerei nimmt Paula
unzweifelhaft eine Ausnahmestellung ein.
Weiter geht es nach Russland, wo Frauen am Vorabend des Ersten
Weltkrieges an den künstlerischen Neuerungen der Avantgarde
maßgeblichen Anteil hatten und schon vergleichsweise früh in
Künstlerpaar-Beziehungen eine ganz eigenständige und
gleichberechtigte Rolle spielten. Wie Verena Krieger herausstellt,
sind die Gründe für diese emanzipierte Konstellation im Frauenbild
der russischen Kultur zu suchen. Gleichberechtigung in der Ehe war
seit den 1860er-Jahren unter liberalen Geistern eine
Selbstverständlichkeit – was die Grundlage für partnerschaftliches
Engagement bildete. Dies wiederum spiegelte sich auch im
Zusammenhalt der Künstlerpaare, wovon die Beziehung Natalia
Gontscharowas und Michail Larionows eindrucksvoll Zeugnis ablegt. Im
Leben wie in der Kunst verstanden sich beide als gleichberechtigte
Streiter für ein gemeinsames Ziel.
Reinhold Heller unterzieht im Folgenden – anhand dreier
Künstlerpaare des frühen 20. Jahrhunderts – verschiedene Formen von
Paarkonstellationen der Betrachtung. Dabei wird deutlich, wie sich
im Zusammenspiel von gesellschaftlichen Gegebenheiten und
Beschränkungen, von Unterstützung und Abhängigkeit – emotionaler,
sozialer oder finanzieller Art – jene Strukturen bestimmen, von
denen die Vereinigung zweier Künstlerindividuen geprägt sein kann.
Die Rede ist von gegenseitiger künstlerischer Befruchtung und
Erfolg, von Schwächen und Stärken, Konflikt und Scheitern. Dass
dabei der Aspekt des künstlerischen Anspruchs wie auch die Rivalität
um Erfolg das dem Paarsein ohnehin innewohnende Konfliktpotenzial
noch steigern kann, wird deutlich: das Leben als Künstlerpaar – ein
Experiment.
Renate Berger geht der Legendenbildung auf den Grund, der im
Zusammenhang mit dem »Phänomen« Künstlerpaar so häufig zu begegnen
ist – und nach der künstlerisches Genie fast ausschließlich männlich
konnotiert war. Verschiedene Rezeptionsschemata werden in diesem
Kontext kritisch analysiert, wobei offensichtlich wird, dass Frauen
an des »großen« Künstlers Seite in vielerlei (zuarbeitender)
Funktion Erwähnung fanden – jedoch nur in den seltensten Fällen als
eigenständige Künstlerinnen. Davon, dass Männer vielfach die Achtung
fürchteten, die man ihren Frauen als ernstzunehmenden Künstlerinnen
zollen könnte, und dass sie sich dieser »Gefahr« auf vielfältige
Weise zu entledigen wussten, handelt der Beitrag ebenso wie etwa von
den Reaktionen der in der Achtung ihres künstlerischen Tuns
zurückgesetzten Künstlerinnen – und den daraus resultierenden
Konsequenzen.
Whitney Chadwick unterzieht den Begriff des »Künstlerpaars« anhand
von Beispielen der Kunst der Moderne einer kritischen Untersuchung –
und macht deutlich, wie vielgestaltig die verschiedenen Modelle der
Zusammenarbeit in Zeiten fortschreitenden gesellschafts- und
sozialpolitischen Wandels und umfassender ideologischer Prozesse
sein konnten. Dabei begegnen wir Paaren, die kameradschaftliche,
gleichberechtigte Partnerschaften pflegten, in denen die Frau eine
„moderne“ Weiblichkeit ausleben konnte, wir hören von Paaren, die
bewusst ihre Erfahrungen mit Strukturen der Modernität in den
kreativen Dialog ihrer Partnerschaft einfließen ließen, kurz: von
einer Vielfalt von Modellen, wie Leben und Kunst zu verbinden sind.
Karoline Künkler widmet sich zuletzt den Kreativduos Abramovi? /
Ulay sowie Gilbert & George, die geschlechterspezifischen
Ordnungsschemata mit dem Modell des gemischtgeschlechtlichen,
androgynen »Zwillingspaars« begegne(te)n beziehungsweise mit dem des
gleichgeschlechtlichen. Den Blick konkret auf das Schaffen dieser
beiden »Künstlerpaare« gerichtet, stellt dieser Beitrag das
Gemeinschaftskunstwerk als primäre Ausdrucksform einer
Künstlerbeziehung in den Fokus.
Mehr sei an dieser Stelle aber nun nicht mehr vorweggenommen. Lesen
Sie selbst – über Machtverhältnisse, politische Gegebenheiten und
Traditionen und daraus resultierende Wertevorstellungen, mit denen
sich Künstlerinnen und Künstler – und damit auch das Künstlerpaar –
seit jeher auseinanderzusetzen hatten; sie werden im Rahmen der
vorliegenden Untersuchungen erneut zur Diskussion gestellt.2 So war
Frauen lange der Zugang zu Kunstakademien verwehrt. Sie konnten
Kunstunterricht an privaten Malschulen nehmen, doch vom Studium am
lebenden Modell oder den wissenschaftlichen Diskursen an den
Akademien waren sie ausgeschlossen. Erst mit Beginn des 20.
Jahrhunderts sollten allmählich die soziokulturellen Voraussetzungen
geschaffen sein, die es Frauen ermöglichten, eine ihren männlichen
Kollegen vergleichbare – gleichwertige – künstlerische Ausbildung zu
absolvieren. Doch noch 1901 wurde im Simplizissimus, einem Münchner
Satireblatt, eine Karikatur veröffentlicht, auf der ein kauziger
Landschaftsmaler die dürre Schülerin an seiner Seite, die ihm die
Pinsel halten und über die Schulter schauen darf, mit der Bemerkung
abkanzelt: »Wissen Sie, Fräulein, es gibt nur zwei Arten von
Malerinnen: Die einen möchten heiraten, und die anderen haben auch
kein Talent.«3 Trotz solcher Vorbehalte, trotz Jahrhunderte langer
Ungleichstellung von männlicher und weiblicher künstlerischer
Profession, trotz Geschlechterstereotypen, die Geist und Genie als
dem Manne vorbehaltene Eigenschaften festschrieben: Zu allen Zeiten
hat es Künstlerinnen gegeben, die in der männlich dominierten Welt
der Kunst ihren Weg gingen, die »Karriere« machten – nicht selten an
der Seite eines Mannes, der ebenfalls künstlerisch tätig war.
Der methodische Ansatz des Projektes musste sein, den »Quertext«
lesen zu lernen, das heißt Leben und Werk der Künstler nicht
getrennt zu betrachten – und zwar sowohl im Hinblick auf jeden
einzelnen der vorgestellten Künstler, als auch bezogen auf seine
Rolle als künstlerisch tätiger Partner innerhalb einer
Paargemeinschaft. Dieses Erkenntnisinteresse mag recht
selbstverständlich anmuten; ein Blick auf die Literatur der
vergangenen Jahrzehnte lässt allerdings deutlich werden, warum diese
theoretische Forderung an das Projekt durchaus betont sein will.
Nicht selten lesen sich Paaruntersuchungen nämlich eher wie
Monografien beider Partner, richten ihr Augenmerk auf die jeweilige
Entwicklung des Einzelnen als Künstler und vernachlässigen dabei die
gegenseitige Beeinflussung, die zwei künstlerisch Tätige, die in
einer Partnerschaft zusammenleben – und dabei häufig auch in
unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander arbeiten –, zwangsläufig
aufeinander ausüben. Bewusst stellen die Künstlerpaare deshalb die
Frage nach den persönlichen Lebensumständen der einzelnen Paare,
genauer: welche unterschiedlichen Vorstellungen und Rollenmuster die
Verbindung von Leben und Kunst jeweils geprägt haben, welche Chancen
sich boten, welche Abhängigkeiten zwischen den Partnern entstanden
und welchen Einfluss dies letztlich auf die künstlerische Produktion
hatte.
Zuletzt sei noch erwähnt, dass sich – bei aller gebotenen
Objektivität, die die Autoren dieses Buches gegenüber den
behandelten Künstlerpaaren haben walten lassen – eine gewisse
Subjektivität bei dieser Thematik in letzter Konsequenz vielleicht
nie ausschließen lässt. Gleichwohl sollte – und durfte – in keinem
Fall ein abschließendes Urteil über ein Paar gefällt werden.
Vielmehr galt es, die unterschiedlichen Strukturen von
Paarkonstellationen aufzuzeigen, wie sie sich im Fluss zwischen
Kunst und Leben entwickeln können.
Den Besuchern der Ausstellung wie auch den Lesern dieses Buches die
Paare »nahe« zu bringen, als Künstler und als Menschen, ist die
Intention der Künstlerpaare. Dass dies gelingen kann, ist der Wunsch
aller am Projekt Beteiligter. Mit Stolz erfüllt uns, dass die Grande
Dame der feministischen Kunstgeschichtsschreibung, Linda Nochlin,
der Ausstellung das Geleitwort gegeben hat.
Viele, liebe Kolleginnen und Kollegen, nah und fern, haben mir in
vielerlei Hinsicht bei den Künstlerpaaren mit Rat und Tat zur Seite
gestanden. Sie alle namentlich aufzuführen, würde den einer
Einleitung angemessenen Rahmen bei Weitem übersteigen. In direkter,
persönlicher Ansprache habe ich ihnen allen gegenüber meine große
Dankbarkeit – so hoffe ich – bereits zum Ausdruck bringen können.
Deshalb bin ich sicher, dass jede und jeder Einzelne von ihnen sich
jetzt angesprochen weiß, wenn ich hier noch einmal Dankeschön sage,
herzlich und aufrichtig, für alle Hilfe und Unterstützung. Ohne
diese wäre es nicht gegangen!
Barbara Schaefer
Kuratorin der Ausstellung "Künstlerpaare – Liebe, Kunst und
Leidenschaft"

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