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Alles. Immer. Überall.


Wunsch und Wille auf dem Medienforum NRW


Christa Tamara Kaul | 26.06.2009

Das Motto des Medienforums NRW 2009 – Alles. Immer. Überall. – sollte den Anspruch der Branche leicht ironisieren und zur Positionsbestimmung antreiben. Doch bei einigen weckte es gar religiöse Assoziationen. Ein Kirchentag wurde der Kölner Medientreff (22.-24.06.2009)dann aber doch nicht - allein schon deshalb nicht, weil es keine wirklich frohe Botschaft gab. Der rechte Glaube allerdings ist gefragter denn je – allem voran im Printbereich.

Gleich zu Beginn befasste sich Norbert Schneider, der oberste Dienstherr des Medienforums NRW, mit dem Kern der Krise – oder richtiger: der Krisen, als da wären die des Journalismus ganz allgemein, zumal des „Qualitätsjournalismus“, sowie die der Zeitungen im Besonderen und selbstverständlich auch die ganz große Krise der Weltmärkte. Und dabei entdeckte Schneider ein gemeinsames Merkmal: die Digitalisierung. Im virtuellen Raum bleibe dem menschlichen Auge und Verstand so manches verborgen, nämlich das, was sich auf den digitalen Autobahnen zwischen Eingabe und Ausgabe eines analogen Geschehens abspielt. Das Merkmal des Digitalen sei die Unsichtbarkeit seiner Prozesse. Unsichtbarkeit aber war „schon immer ein Merkmal Gottes“, wie Schneider dem erstaunten Auditorium zur Erkenntnis gab, um dann das diesjährige Motto Wort für Wort theologisch zu unterfüttern: „Alles verweist auf den Pantokrator der frühen Kirche. Überall meint Ubiquität, ein schon immer göttliches Privileg. Und für immer sagt man in feineren Kreisen Ewigkeit.“

Immerhin interpretierte er den digitalen Kern der Krisen nicht als Weltuntergangsszenario, sondern als Latenzzeit, als Phase „einer digitalen Häutung“. „Es ist nicht die Schwäche, es ist die Pointe des digitalen Alphabets, dass es unsichtbar … verschaltet und waltet. Was das Signal in seiner digital-virtuellen Phase treibt, ahnen wir nur. … Wir sehen den Anfang, und wir sehen das Ende.“ Der Rest sei Glaube, auch wenn wir das Problem, nämlich den „Verlust der Mitte“, mit dem hübschen Ausdruck Algorithmus kaschierten.

Jürgen Rüttgers: "Ein Leben ohne Zeitungen ist nicht vorstellbar."

Als Kirchentag wollte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Veranstaltung dann doch nicht sehen, auch wenn sein persönliches Liebesbekenntnis zur Tageszeitung und sein Plädoyer zur Rettung des Journalismus schon fast Glaubensfragen berührten. Staatliche Hilfen ähnlich der Finanzierung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, wie sie etwa Jürgen Habermas 2007 als Denkmodell vorgeschlagen hatte, lehnte er allerdings kategorisch ab. Doch Stiftungen und vor allem eine Lockerung des Pressefusionsrechtes bezeichnete er – nicht zum ersten Mal – als probaten Weg zum Überleben der gebeutelten Zeitungsbranche. Eine Forderung, die der Bundesverband der Zeitungsverleger (BDZV) auch immer wieder stellt. Allerdings kam dieser Wunsch bislang nicht von den Kleinen der Branche, sondern nur von den wenigen großen Verlagshäusern, die entweder gerade auf Expansionskurs sind oder aber ihre schon zusammengekauften Regionalzeitungen stärker verschmelzen möchten. Die entsprechende Absage von Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer hinsichtlich weiterer Lockerungen ließ nicht auf sich warten: „Das Wettbewerbsrecht bietet für Zusammenschlüsse von Verlagen einen völlig ausreichenden Spielraum“, betonte er in der FAZ.

Die Hoffnung hinsichtlich der Rettung des klassischen Journalismus ruht auf der jungen Generation. Damit die nicht völlig vergisst, was Zeitungen sind und deren Informationspotenzial schätzen lernt, will die NRW-Landesregierung gemeinsam mit dem Zeitungsverlegerverband NRW in den kommenden Wochen das Projekt „Zeitung in der Schule, Schule in der Zeitung“ starten. Alle neunten Klassen aller Schulformen in NRW, also rund 200.000 Schüler sollen für ein Jahr kostenlos eine Tageszeitung erhalten. „Wir wollen den Jugendlichen erklären, wie demokratische Meinungsbildung funktioniert. Warum der Journalist wichtig ist und was ihn ausmacht. Jugendliche sollen ein Gespür für die Qualität einer Information entwickeln.“ Wobei bislang unklar blieb, ob die Zeitungshäuser das lobenswerte Vorhaben allein realisieren oder mit staatlichem Zuschuss rechnen können.

Qualitätsjournalismus in Zeiten von Null-Cent-Mentalität, Blogging und Podcasting

Der Impetus des NRW-Projekts zur Rettung von Zeitung und Journalismus, also wie demokratische Meinungsbildung funktioniert, warum Qualitätsjournalismus wichtig ist und was ihn ausmacht, zog sich als Grundmotiv durch viele Gesprächsrunden des diesjährigen Medienforums. Klar, dass unabhängige Meinungsbildung nicht ohne Hintergrundwissen funktionieren kann und politische Kommunikation mehr braucht als „Bürgerbeteiligung“ im Netz, also etwa Blogging, Podcasting und „Communitys“. Klar auch, dass bei der gesamten Veranstaltung allein durch die vielen blödsinnigen Anglizismen viel Überflüssiges geredet wurde. Klar auch drittens, dass die Selbstbeweihräucherung bezüglich des Qualitätsjournalismus bisweilen schon peinliche Züge annahm. Auch wenn Bascha Mika durchaus Kluges in die Qualitätsdebatte einbrachte – etwa, dass der so genannte Bürgerjournalismus mit seinen Blogs und „Communitys“ eben kein Journalismus ist, wohl aber eine Form der Kommunikation und darüber hinaus eine vorzügliche Quelle für echte journalistische Arbeit, so verfiel sie leider in ziemlich unrühmliches Eigenlob, als sie der „taz“ einen diesbezüglichen Heiligenschein zu basteln versuchte, dem Spiegel als Gegenbeispiel aber nur einen mäßigen Anteil an selbigem zugestand.

Doch schlimmer geht’s fast immer, zumal wenn Thomas Leif auf den Plan tritt. Das, was von seiner Veranstaltung „Das Ende des Journalismus - Ist unsere Mediendemokratie noch zu retten?“ von dem erstmals zeitgleich!!! zum Kölner Medienforum angesetzten „Mainzer Mediendisput in Berlin“ herüberklang, übertraf an bräsigem Schulterklopfen (auf die eigene Schulter, versteht sich) und letztlich Hilflosigkeit den zukünftigen Herausforderungen gegenüber wohl alles, was dazu in Köln zu hören war. Überhaupt war in Sachen Zukunft der Medien gerade beim Medienforum NRW mehr als sonst Schulterzucken angesagt. Insofern war es eines der offensten und ehrlichsten der letzten Jahre.

 

Denn wie die Medienkrise überwunden werden kann – oder richtiger, in welche Richtung die Entwicklung läuft, lässt sich bei allem gepflegten Krisendiskurs nur begrenzt benennen. Die klassischen Arrangements der etablierten Medien werden sich auflösen und neu sortieren (müssen). Wer das Patentrezept dafür zu haben glaubt, der lügt. Denn sonst wäre es längst auf dem Markt. Was im Moment läuft, ist das altbekannte Versuch-und-Irrtum-Spiel. Dabei muss und wird sich der „klassische“ Journalismus – also Trennung von Nachricht und Meinung, dazu Analyse und Quellenverifizierung usw. – dem Wandel in Gesellschaft und Technik anpassen und ihm Rechnung tragen. Denn er wird gebraucht, weil Demokratie nicht ohne verlässlich informierte Bürgerinnen und Bürger auskommt. Doch dafür langt es nicht, dass sich Leute wie Leif in ihrer bisherigen Funktion für unverzichtbar halten und alten Wein in neue Schläuche zu kippen versuchen.

 

                                             

© Christa Tamara Kaul