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Gutjahr und die Paläste Nordafrikas

Vom Rebellenschwatz zum Kotau

 

Christa Tamara Kaul  | 22.06.2011

 

"Die Mächtigen in den Sendern kommen mir so vor wie die Machthaber in nordafrikanischen Ländern." Mit diesem Satz hoffte der freie Journalist und Blogger Richard Gutjahr bei der Eröffnungsrunde des diesjährigen Medienforum.NRW wohl im Auditorium Eindruck zu schinden. Was aber gründlich daneben ging.

Zugegeben  - die Eröffnungsrunde des diesjährigen Medienforum.NRW nahm deutlich an Fahrt auf, nachdem der Blogger und freie Journalist Richard Gutjahr (zweiter von rechts) auf das Podium gebeten worden war. Ging es zuvor zwischen WDR-Intendantin Monika Piel, RTL-Chefin Anke Schäferkordt und VPRT-Präsident Jürgen Doetz  -   wie in den vergangenen Jahren auch  -  im Wesentlichen um Werbeverzicht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Gebührenverschwendung, Expansionsdrang von ARD und ZDF sowie um menschenverachtende Elemente der kommerziellen Unterhaltungsprogramme, so war es dann mit der geruhsamen Wiedervorlage dieser Dauerbrenner vorbei.

Auslöser des  -  nun ja, sagen wir mal: mehr oder minder allgemeinen -  Aufbegehrens war Gutjahrs verbale Einstiegskeule. Da direkt vor seiner nett ausgetüftelten Provokation im Panel diskutiert und betont worden, wie wichtig die Aufgabe traditioneller Medien sei, die ungefilterten Informationen von Twitter, Facebook und Co. zu hinterfragen und einzuordnen, versuchte Gutjahr sich als heilbringender Rebell zu profilieren, indem der Runde vorwarf, vorrangig immer vor den Gefahren zu  warnen, die soziale Netzwerke mit sich brächten, statt vor allem die Chancen, die darin liegen, zu würdigen. Deshalb seine steile These: Die Mächtigen in den Sendern kämen ihm vor wie die Machthaber in nordafrikanischen Ländern, die in ihren Palästen sitzen und kaum mitbekämen, was draußen so vor sich gehe.

Klar, dass das die präsenten "Mächtigen" nicht auf sich sitzen ließen. Monika Piel bezeichnete die Aussage als "dumme Anmaßung". Auch wenn Richard Gutjahr ihre Frage, woher er das denn überhaupt wissen wolle, mit der Antwort "Ich arbeite für Sie" unter großem Gelächter des Publikums parierte, so war das ein nur kurzer Erfolg. Unisono konterten die drei "Mächtigen", dass einerseits eine solche Aussage nur aus purer Unwissenheit  erfolgen könne, denn selbstverständlich würden alle Informationsquellen, also auch Twitter und Co. beachtet und - im journalistisch sauberen Sinn  -  genutzt. Und dass andererseits solche Aussagen wie die von Gutjahr, die so ähnlich auch auf Veranstaltungen wie der re:publica, einer Konferenz zu Web 2.0-Themen, zu hören waren, "faschistoide" Tendenzen offenbarten. Es sei höchst bedauerlich und ideologisch bedenklich, dass jedem, der Facebook und Twitter nicht im gewünschten Umfang nutze, unterstellt werde, nicht kommunikationsfähig zu sein. "Ich respektiere ihre Quellen, aber respektieren Sie auch andere", hielt Jürgen Doetz Gutjahr entgegen.

Monika Piel und Anke Schäferkordt wiesen die Kritik Gutjahrs aber nicht nur aufgrund der Wortwahl zurück, sondern verwiesen darauf, dass ihre Häuser auch inhaltlich im Netz bestens aufgestellt seien. Schließlich komme es auch nicht darauf an, ob sie nun persönlich in Twitter und Co. präsent seien, sondern vor allem darauf, dass es die Journalisten der Sender seien. Und das sei uneingeschränkt der Fall. Das Auditorium beklatschte eifrig die Repliken auf Gutjahrs Ausflug ins Rebellentum, so dass dieser zunächst zunehmend zurückhaltender in seiner Diktion wurde und schließlich meinte  - peinlich, peinlich - mit einigen Lobhudeleien einen Kotau vor den Öffentlich-rechtlichen machen zu müssen. Etwa, dass er glücklich sei, für diese Sender arbeiten zu dürfen. Himmel hilf - bei einer Kehrtwende vom Rebellen zum  Schleimer - was bleibt da an Substanz übrig?

Dass die Diskussion noch halbwegs ein angemessenes Niveau halten konnte, war nicht zuletzt Helmut Heinen, dem Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, zu verdanken. Er versuchte die kontroversen Positionen näher zu einander zu  bringen mit der Feststellung, dass trotz des vielfältigen Unsinns bei Twitter und Co. es viele Leser gebe, die von Einzelfragen mehr verstünden als manche Journalisten und dass es daher anzuraten sei, diese sinnvoll in die Arbeit mit einzubeziehen. Die Aufgabe der Medien sei es, das Wissen, das an die Redaktionen herangetragen wird, auch zu nutzen.

 

                                             

© Christa Tamara Kaul