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Sieben Tage
Der
Rundfunkstaatsvertrag, die EU und der Wert der Medien
Christa Tamara Kaul | 12.06.2008
Die Neuregulierung der Medien in Deutschland, konkret die 12.
Änderung des Rundfunkstaatsvertrages, steht seit längerem an – begleitet
von kontroversen Vorstellungen. Am 12. Jun. 2008 nun legten die
Ministerpräsidenten der Bundesländer einen Entwurf vor, der den
öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern – vor allem bei ihren
Online-Aktivitäten – engere Grenzen zuweist, als von diesen gewünscht.
Auch wenn die endgültige Entscheidung noch vertagt wurde, so sprach
Hessens Ministerpräsident Roland Koch als turnusmäßiger Vorsitzender der
Ministerpräsidentenrunde am Ende des Treffens doch von einer
"Neufassung des Grundgesetzes der öffentlich-rechtlichen Medien". Die
zeichnet sich in der Tat ab und kommt vielen Forderungen von Verlegern
und privaten Rundfunkanbietern entgegen – und nicht zuletzt
diesbezüglichen EU-Nörgeleien aus Brüssel.
„Wir lassen uns unser bewährtes System des dualen Rundfunks nicht kaputt
machen, auch nicht aus Europa“, hatte NRW-Ministerpräsident
Jürgen Rüttgers am 9. Juni 2008 zur Eröffnung des 20. Medienforums
NRW demonstrativ betont. Ein paar Stunden später orakelte Andreas
Krautscheid, NRW-Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien:
„Nach Brüssel ist vor Brüssel“. Womit er zu verstehen geben wollte, dass
Medienpolitik ohne Zustimmung aus Brüssel nicht mehr möglich ist.
Da das
20. Medienforum NRW einen Tag nach dem Auftaktsieg der deutschen
Fussballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft begonnen und
einen Tag vor dem Treffen der Ministerpräsidenten geendet hat, lag es
nahe, dass nicht nur die Medienregulierung in Deutschland und die
entsprechenden Brüsseler EU-Attacken im Brennpunkt standen, sondern dass
sich manche Referenten auch in mehr oder minder sportlichen Wortspielen
ergingen. Vor allem aber wurde gestritten, und zwar zwischen
WDR-Indendantin Monika Piel und ZDF-Intendant Markus Schächter als
Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖR) auf der einen Seite,
die für eine uneingeschränkte Nutzung aller jeweils aktuellen
Technologien durch die ÖRs plädierten, und RTL-Geschäftsführerin Anke
Schäferkordt und Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk
und Telemedien (VPRT) auf der anderen Seite für die Privatanbieter, die
sich über einen verzerrten Wettbewerb beschwerten. Schließlich müssten
die Privatsender ihre Kosten durch Werbeeinnahmen finanzieren und würden
bei ihren Onlineaktivitäten nicht wie die ÖRs durch Gebühren
subventioniert.
Dass sie mit dieser Sicht der Dinge nicht allein dastehen, sondern
durchaus auf tatkräftige Unterstützung durch die Europäische Union
hoffen können, ist nicht neu. Allerdings bemühte sich
EU-Wettbewerbskommissarin
Neelie Kroes auf dem Kölner Medienforum nach Kräften, einen
gemäßigten, wenn nicht gar neutralen Standpunkt in diesem Streit
einzunehmen. Die Kommission suche den Dialog mit den Verantwortlichen in
Deutschland und habe nicht eine vorgefasste, fertige Meinung parat. Was
im Auditorium als milde Kritik an ihrer Kollegin Viviane Reding, bei der
EU-Kommission zuständig für Informationsgesellschaft und Medien,
aufgefasst wurde. Reding hatte in einem Interview mit der FAZ
hinsichtlich des zu erwartenden Staatsvertrages gesagt: „Mit faulen
Kompromissen werden wir uns nicht zufrieden geben.“ Und damit die
bevorstehende 12. Änderung des Rundfunkstaatsvertrages gemeint.
Kroes hingegen versicherte: „Wir werden sehr genau hinhören, wollen
objektiv sein und werden mit Ruhe abwarten, was herauskommen wird.“
Schließlich seien Medien mehr als Wirtschaftsgüter, sie seien Garanten
der Demokratie und der kulturellen Vielfalt.
An dieser Stelle traf sich ihre Ansicht mit der der für die ÖRs
Verantwortlichen und nahm auch das Motto des 20. Medienforum NRW auf.
Das hieß bekanntlich: Vom Wert der Medien. Was wiederum ein mehrdeutiges
war, da es sowohl den ideellen Wert als auch den materiellen, also den
Geldwert umfasste. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für
Medien Nordrhein-Westfalen, in seiner
Eröffnungsrede: „Völlig frei von Anglizismen heißt das Motto … Vom
Wert der Medien … ausgeschrieben etwa als Grundwert und
Unternehmenswert, Kulturgut und Wirtschaftsgut, Publizistik und
Ökonomie, neuerdings: public value und shareholder value. Dieser
Doppelsinn ruft eine zentrale Frage auf, mit der man die Entwickler
immer wieder behelligen muss: Was hat die GmbH davon und was die
Gesellschaft?“
Klar, dass sich Vertreter der Privatanbieter immer wieder über den
Anspruch von ARD und ZDF mokieren, dass vor allem oder sogar
ausschließlich die öffentlich-rechtlichen Konkurrenten ordentlichen
Journalismus in Deutschland gewährleisten und so die von SPD-Chef Kurt
Beck als unabdingbar benannten "Inseln der Qualität" im Netz liefern
könnten. Damit diese Inseln an ihren Küsten aber nicht womöglich die
mächtigen Tanker der Privaten auf Grund laufen lassen, müssen genaue
Anweisungen her. Oder, wie NRW-Ministerpräsident Rüttgers es
formulierte, gute Spielregeln. Das Thema ,Gute Spielregeln’ sei deshalb
so wichtig, weil das etwas mit dem Wert der Medien zu tun habe:
„Schlechte mindern ihn“. Und nirgendwo könne man das besser sehen als
bei autoritären Regimen, aber auch in Demokratien, die glaubten, der
Wert liege im freien Zugang zu allem. „Und übrigens: Nicht ganz umsonst
denken die bei ,Wikipedia’ auch über neue Regeln nach. Ich glaube, dass
das der Kern aller gegenwärtigen Mediendebatten ist: Die Frage nach den
Spielregeln in einer sich wandelnden Medienwelt.…. Es geht darum, ihren
(den der ÖRs, die Autorin) Auftrag in einer veränderten Medienwelt klar
zu definieren…. Wenn die Verfassung dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk
den Auftrag gibt, zur demokratischen Willensbildung beizutragen, dann…
muss das Internet einbezogen werden. Auftrag ist Auftrag – egal, ob
linear, digital oder online verbreitet."
Die „Spielregeln“, die am 12. Juni nun von den Ministerpräsidenten
vorläufig beschlossen und von Roland Koch vorgestellt wurden, bremsen
diesen Auftrag im Onlinebereich nun allerdings deutlich aus. So dürfen,
was richtig und sinnvoll ist, ARD und ZDF nur "sendungsbezogene“ Inhalte
online anbieten, diese aber nicht zur „elektronischen Presse" ausbauen.
"Es wird keine Kontaktbörsen, Beratungsdienste oder Freizeittipps im
Internet bei ARD und ZDF geben", so Koch. Was zurzeit ja teilweise
geschehe. Auch weitergehende, an Sendungen aufgehängte
Verwertungsketten, die letztlich einen Werbungseffekt hätten, dürfen
nicht mehr im Netz auftauchen. So dürften beispielsweise bei
Kochsendungen nur die Rezepte ins Netz gestellt werden, nicht aber Links
zu Kochbüchern, die man dann kaufen könne. Auch dürften keine "neuen
Unterhaltungsformate" eigens fürs Internet generiert werden, die nur
vordergründig Bezug auf Sendungen nähmen. Als Beispiel wurde ein
Zusammenschnitt der "besten Wetten aus zehn Jahren Gottschalk" genannt.
Erlaubt sein soll dagegen, Sendungsaufzeichnungen, beispielsweise von
sportlichen Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen, ins Netz zu
stellen. Allerdings, und das wird vielen Nutzern nicht behagen, soll es
enge Fristen der Bereitstellung geben. Die sollen von mindestens 24
Stunden nach dem Ereignis bis zu einer siebentägigen Vorhaltung reichen.
Wobei die so genannte Sieben-Tage-Regel allerdings nicht für
Informations- und Bildungsangebote gelten soll.
Nun bleibt abzuwarten, ob der vorläufige, noch ziemlich unscharfe und
für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht übermäßig positive
Kompromiss zum 12. Rundfunkstaatsänderungsvertrag nicht nur im Oktober
so abgesegnet werden wird, sondern auch, ob er die Privatmedien von
einem, wie sie meinen, ungerechten Wettbewerb befreien und die
EU-Kommission zufrieden stellen wird.

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