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Der Mond
- vom Sehnsuchtssymbol zum Forschungsobjekt
Eine Kölner
Ausstellung beleuchtet das mythenumwobene
Nachtgestirn
Christa Tamara Kaul |
26.03.2009

Der Mond kann 2009 gleich zwei Jubiläen feiern -
1609, also vor 400 Jahren richtete Galileo Galilei
zum ersten Mal sein selbst gebautes Teleskop auf ihn
und leitete damit die wissenschaftliche Eroberung
des Erdtrabanten ein, die dann 1969, also vor 40
Jahren mit dem ersten Menschen auf dem Mond ihren
vorläufigen Höhepunkt erreichte. An Faszination hat
das Himmelsgestirn dadurch nicht verloren. Wie die
Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum beweist.
Bild oben: Edouard Manet; Mondschein über
dem Hafen von Boulogne; 1869; Ausschnitt
Was
wären die Mythen und Märchen, die Literatur, die
Lyrik, was wäre die Malerei - vor allem in der
Romantik - ohne den Mond. Über Jahrtausende diente
er als Symbol des Geheimnisvollen, des Weiblichen, des Fließenden, als Zugang zu den Nachtseiten des
Seins.
Von alters her wurde er, der im Deutschen - im
Gegensatz zu den meisten anderen Sprachen - grammatikalisch ein Maskulinum ist,
mit dem Weiblichen assoziiert. Sein ständiges Zu- und Abnehmen
galt als
Sinnbild des Werdens und Vergehens, womit dem
Weiblichen auch das Unbeständige zugeeignet wurde.
Bild
links: Abraham Janssen: Inconstanzia, Symbol der
Unbeständigkeit, ca. 1617 (Ausschnitt)
Ganz selbstverständlich waren die
Gottheiten des Mondes im antiken Rom und Athen Göttingen - die römische
Luna und die griechische Selene. Deren Verehrung bis in unsere Tage
wirkt. Der römische Tag der Mondgöttin Luna wurde im
Italienischen zum lunedi, im Französischen zum lundi
und als Montag in den deutschsprachigen Kalender übernommen.
Als Noctiluca (Leuchterin der Nacht)
galt Luna zusammen mit Sol, dem Sonnengott als Abbild der
Ewigkeit - er aufsteigend den Tag beherrschend, sie
niedersteigend die Nacht bestimmend. Damit fiel
ihnen eine ähnliche Rolle zu wie im
alten Ägyptern schon Isis und Osiris. Während
zunächst nur Osiris als Gott der Unterwelt - mit der
"nächtlichen Sonne", also dem Mond, identifiziert
worden war, wurde die Identifizierung in der
Spätzeit auch auf Isis übertragen.
Bild links:
Albrecht Dürer: Das Marienleben
(Titelblatt); 16. Jahrhundert
Im Christentum taucht die Mondsymbolik
zuerst in der Apokalypse des Johannes,
dem letzten Buch des Neuen Testamentes,
auf. In
Kapitel 12 heißt es: "Dann erschien ein großes Zeichen
am Himmel: eine Frau, mit der Sonne
bekleidet; der Mond war unter ihren
Füßen und ein Kranz von zwölf
Sternen auf ihrem Haupt." Das Bild
wurde schnell als "Mondsichel-Madonna"
gedeutet, die die alten Göttinnen und
Götter überwunden hat. Die zwölf Sterne
in ihrem Heiligenschein wurden als
Tierkreis verstanden, die Sonne stand
für Christus und der zu- und abnehmende
Mond für die Vergänglichkeit der Welt.
Sie, die Apokalyptische Frau, war die
neue Königin des Himmels (lat. regina coeli),
die Christus geboren hat.

Bild
links: Stefan Lochner, Die Muttergottes in der
Rosenlaube, um 1442 - Im Heiligenschein befinden
sich kleine Mondsicheln
Die gesteigerte
Marienverehrung der Gotik zeigte die
Muttergottes dann bisweilen auch auf einem mit Gesicht
versehenen Vollmond stehend. Diese Gestaltung war
besonders zur
Zeit der Türkenkriege gebräuchlich, wobei dem Mond
die
Gesichtszügen eines Osmanen verliehen
wurden. Endgültig setzte sich die nach oben oder unten
geschwungene Mondsichel im 15. Jh. durch,
wobei sich das Motiv der
Mondsichel-Madonna so großer Beliebtheit
erfreute, dass sogar
bei einigen älteren Mariendarstellungen eine
Mondsichel hinzugefügt wurde. Noch
später, im 17. Jh. wurde die
Darstellungsweise oft von einer Schlange
ergänzt. Der Fuß Marias auf der Mondsichel und dem Kopf der Schlange
versinnbildlichte den Sieg über die Erbsünde, das
Irdische.
Von urerdenklichen Zeiten an hatten
Sonne, Mond und Sterne in allen
Religionen auch astrologische
Assoziationen geweckt. Astronomie und
Astrologie bildeten eine Einheit -bis Galileo Galilei (1564 - 1642) sein
Teleskop auf den Erdtrabenten richtete und die Entzauberung des
Mondes einleitete, die von der heraufziehenden
Aufklärung dann wissenschaftlich
gründlich vorangetrieben wurde.

Foto links: Galileo Galilei: Sidereus Nuncius; 1610 Venedig;
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Das geschah im Jahr
1609, also vor 400 Jahren. Womit der
Anlass für die Mond-Ausstellung des Kölner
Wallraf-Richartz-Museums (26.03.-16.08.2009) ersichtlich wird. Das, was
Galilei da erstmals durch ein von ihm
konstruiertes Teleskop sehen konnte,
wandelte eine schon länger gehegte
Vermutung zur
Erkenntnis: Der Mond offenbarte sich
keineswegs als die makellos reine, vollkommene
Gestalt, die ihm in der Symbolik des Christentums
und anderer Religionen zugeschrieben worden war.
Seine Oberfläche entpuppte sich vielmehr als
zerklüftete Kraterlandschaft. In der
Folge büßte die hergebrachte Vorstellung von dem
Planetensystem zunehmend an
Glaubwürdigkeit ein - mit allen bekannten
Verwerfungen der bis dahin gültigen menschlichen
Vorstellungen. Galileis sofort zum Bestseller
avancierende „Botschaft von neuen Sternen“, in der
er seine Entdeckungen veröffentlichte, war so
begehrt, dass schon
im Herbst 1610 ein Raubdruck auf der
Frankfurter Buchmesse auftauchte. In der Kölner
Ausstellung ist als besondere Kostbarkeit die zweite
Originalausgabe Galileis, eine Leihgabe aus Münster,
zu sehen.

Foto
links: Galileo - Falschfarbenaufnahme des
Mondes 1992 - NASA/JPL/USGS; Institut für
Planetenforschung, Berlin-Adlershof - Foto: CTKaul
"Es war
eine Zeit, wo man den Mond nur empfinden wollte,
jetzt will man ihn sehen", resümierte Johann
Wolfgang von Goethe. Und fing mit dieser
Feststellung genau das ein, was diese Ausstellung
zeigt: Der Mond ist stets der Gleiche, doch die
Menschen sehen ihn immer wieder neu.
Die
wichtigsten Einschnitte in der menschlichen
Rezeption des Mondes bewirkten nach der Erfindung
des Teleskops zweifellos die Fotografie und
schließlich in unserer Zeit die Raumfahrt. Besonders
die Kombination von Raumfahrt und Fotografie sowie
Fernsehen läutete eine völlig neue Epoche und
Sichtweise ein. Folgerichtig bietet die Ausstellung
neben einer Auswahl von mittelalterlichen
Tafelbildern, romantischen Gemälden und moderner wie
zeitgenössischer Kunst auch reichlich Technisches:
astronomische Instrumente und Modelle sowie herausragende
Fotografien.
Auch wenn
nicht alle hochrangigen
Meisterwerke zum Thema zusammengetragen werden
konnten, so zeigen die rund 150 Exponate - künstlerische wie
wissenschaftliche - doch hohe Qualität und bezeugen die Faszination, die der Mond seit jeher auf die
Menschen ausgeübt hat. Wobei Stefan Lochners
„Muttergottes in der Rosenlaube“ aus dem eigenen
Haus, Original-Ausgaben von Galileos „Botschaft
von neuen Sternen“ aus Münster und Manets „Mondschein über dem
Hafen von Boulogne“ aus Paris, dem wohl ersten
impressionistischen Nachtbild, ebenso zu den
exzellenten Höhepunkten
der Ausstellung zählen wie einige wissenschaftliche
Geräte.
Ein
vielfältiges Rahmenprogramm öffnet die
Kunstgeschichte hin zur Astronomie, Literatur und
Musik. Zu
erwähnen ist noch der ästhetisch wie inhaltlich
vorzüglich gelungene Katalog.

Bild
links: Edouard Manet: Mondschein über dem Hafen von Boulogne; 1869
Alle Abbildungen, soweit nicht anders angegeben,
Wallraf Richartz Museum / Fondation Courboud
Ausstellung: Der Mond, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation
Corboud, Köln 26. März bis 16. August 2009
Katalog: Der Mond, Hrsg. Andreas Blüm,
Museumsausgabe (Paperback) 30,00 Euro, Buchhandelsausgabe (gebunden)
39,80 Euro

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