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Und sie bewegt sich doch - die Una Sancta Catholica!

Oder: Papst Benedikt und die Zeichen der Zeit

Christa Tamara Kaul - 22.11.2010  - Siehe auch Rezension "Licht der Welt" vom 30.12.2010

 

Zwei Aussagen von Papst Benedikt XVI., die in den letzten Tagen publik wurden, wecken freudiges, fast ungläubiges Staunen. Denn sie zeigen: Sie bewegt sich doch - die Una Sancta Catholica!  Es geht - nicht nur, aber von der Öffentlichkeit am meisten gewürdigt - um das Thema Aids-Bekämpfung sowie die grundsätzliche Rücktrittsoption eines Papstes.

 

Was längst überfällig war und viele schon nicht mehr erwartet haben, ist nun tatsächlich amtlich: Papst Benedikt XVI. rückt von einer völligen Ablehnung von Kondomen als Verhütungsmittel ab und erklärt, dass ihr Gebrauch in einigen Fällen gerechtfertigt sein könnte. Sozusagen als das kleinere Übel.

 

Diese nahezu revolutionäre Wendung der offiziellen Haltung der katholischen Kirche zum Thema Aids-Bekämpfung geht aus einem am 23. November 2010 veröffentlichten Buch hervor, aus dem  verschiedene Medien vorab Auszüge veröffentlichten. Der Titel des Buches: „Licht der Welt – Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“. Es ist entstanden auf der Basis eines vielstündigen Gesprächs, das der Journalist und Buchautor Peter Seewald im Sommer dieses Jahres in Castelgandolfo mit Benedikt XVI. geführt hat. Zwar ist das Buch umfangreich und der Themenkatalog komplex, aber die Aussagen zum Kondomgebrauch in bestimmten Fällen verbreiteten sich weltweit am schnellsten, da sie als  Sensation empfunden werden.

 

Daraus geht hervor, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche in manchen Fällen die Benutzung von Präservativen für gerechtfertigt hält. Als Beispiel für akzeptable Ausnahmefälle führt Benedikt männliche Prostituierte an, die die Ausbreitung von HIV verhindern wollten. Dass die Verwendung von Kondomen " natürlich keine wirklich und moralische Lösung" sei, ist für ihn zwar weiterhin gültig. Doch der Gebrauch durch Prostituierte sei „ein erster Schritt zu einer Moralisierung“ und könne helfen ein Bewusstsein zu entwickeln, „dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will.“ Freilich sei das aber nicht die „eigentliche Art, das Übel der HIV-Infektion zu besiegen“, so der Papst. Sich auf Kondome zu konzentrieren bedeute eine Banalisierung der Sexualität. Diese Banalisierung sei genau die gefährliche Ursache für viele Personen, die Sexualität nicht mehr als Ausdruck ihrer Liebe zu sehen, sondern nur noch als eine Art Droge, die sie sich selbst verabreichen.


Dass die geänderte Haltung außerhalb der Kirche nahezu ausnahmslos auf Zustimmung stößt, verwundert kaum. So lobt die links-liberale italienische Zeitung "La Repubblica" den Papst denn auch und konstatiert, dass bereits die Auszüge aus dem Gesprächsbuch von Peter Seewald mit Papst Benedikt XVI. ausreichten, "um das Bild, das sich viele von dem 'deutschen Oberhirten' gemacht haben, zumindest teilweise zu revidieren".

 

Innerhalb der Kirche mischen sich in das positive Echo der reformorientierten Kräfte auch entsetzte Reaktionen der Ultrakonservation. So war einerseits vom philipinischen Bischof Deogracias Yniguez. zu hören: „Wenn ein Kondom als Verhütungsmittel verwendet wird, wird das sicherlich von der Kirche verurteilt. Aber wenn es verwendet wird, um unter eine Krankheit zu vermeiden, dann kann die Kirche eine andere Haltung einnehmen.“ Und der Missionar Shay Cullen lobte die Lockerung des Verbots, die Leben retten werde. „Wir sehen einen aufgeklärten Papst, der seiner Sorge um das menschliche Leben Priorität einräumt.“ 'Auf der anderen Seite, beispielsweise in Internetforen des  rückwärts gewandten Lagers, unterstellte man dem Papst hingegen, dass er dem zeitgeistigen Druck nicht standgehalten habe.

 

Nun gut, lasst sie polemisieren und jammern. Benedikts wichtiger Schritt in Richtung eines notwendigen Problemverständnisses zeigt, dass er gemäß dem Zweiten Vaticanum die "Zeichen der Zeit" erkannt hat und angemessen umsetzt.

 

Wenn auch noch nicht alle. Denn im ersten Exklusiv-Interview, das je ein Papst einem Journalisten gegeben hat, bekräftigt Papst Benedikt XVI. unter anderem auch, dass Frauen nicht zu Priestern geweiht werden dürfen. Zu einer Änderung dieser Haltung habe das Oberhaupt der katholischen Kirche "keine Vollmacht". Christus habe der Kirche mit den zwölf männlichen Aposteln nun mal "eine unverrückbare Gestalt" gegeben. Doch das sei keine Diskriminierung, da das Priestertum nicht Herrschaft, sondern Dienst sei. Nun ja, da müssen wir wohl noch auf ein paar weitere Zeichen der Zeit warten, bis auch diese Haltung in Rom als umkehrbar gelten wird.

Thema ist erneut auch „Williamson-Affäre". Dass er 2009 die Exkommunikation des Bischofs Richard Williamson von der erzkonservativen Piusbruderschaft nicht zurückgenommen hätte, wenn er über dessen Holocaustleugnung informiert gewesen wäre, ist zwar nicht neu, kann aber als ausdrückliche Bekräftigung seiner in dieser Sache absolut geradlinigen Haltung auch nichts schaden. Gleichzeitig bekommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) , die wegen der „Williamson-Affäre“ öffentlich eine Klarstellung zum katholisch-jüdischen Verhältnis gefordert hatte, ihr Fett weg. Merkel sei ganz offenbar nicht darüber informiert gewesen, dass er erst kurz zuvor jede Leugnung oder Verharmlosung der Schoa abermals für inakzeptabel erklärt hatte. Die Nicht-Informiertheit der Bundeskanzlerin darf allerdings bezweifelt werden. Eher schien es damals so, als hätte Merkel vor allem den Forderungen des Zentralrats der Juden in Deutschland genüge tun wollen.

Schließlich und besonders verdienen Benedikts grundsätzliche Überlegungen zur Möglichkeit des Rücktritts eines Papstes dankbare Erwähnung. Die Bilder seines Vorgängers, dem es vor seinem Tod 2005 jahrelang sichtbar schlecht ging, sind noch in Erinnerung. Damals war - da sie neben Mitleid auch Kritik hervorgerufen haben - darüber diskutiert worden, ob ein Papst überhaupt zurücktreten kann oder sollte. Nun bejaht Benedikt diese Frage ausdrücklich. Wenn ein Papst physisch, psychisch und geistig sein Amt nicht mehr erfüllen könne, habe er nicht nur das Recht, sondern unter Umständen auch die Pflicht zum Rücktritt. Damit hat Benedikt in einem weiteren Punkt die Zeichen der Zeit erkannt.

 

Mit einigen in diesem Buch vertretenen Thesen hat Benedikt XVI. neue Maßstäbe für die katholische Kirche definiert. Ein großer Schritt im Hinblick auf die Zeichen der Zeit. Ein Schritt, der in die Kirchenanalen seines Pontifikats eingehen wird. Auf gewandelte Einsicht in Sachen Frauen und Kirche muss halt noch auf weitere Zeichen gewartet werden.
 

 


                                             

© Christa Tamara Kaul