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Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht
Die Ex-Ex-Kommunikation der Pius-Brüder als
Inszenierung einer
Laienspielschar
Christa Tamara Kaul | 04.02.2009
Es ist derzeit nicht leicht, katholisch zu sein. Nein, wirklich
nicht, denn das neueste Theaterstück, das in Rom inszeniert wurde,
heißt "Rücknahme der Ex-Kommunikation der Pius-Brüder - oder: Wer ließ
Benedikt gegen die Wand laufen?". Die
Aufführung wirkt wie die schlechte Inszenierung einer Laienspielschar.
Selbst
die meisten der vielen Zuschauer, die Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger
grundsätzlich große Wertschätzung als Person und Hochachtung als
Theologen entgegenbringen, sind ratlos bis entsetzt. Kein Wunder, dass
das Spektakel in einem Chor von Buh-Rufen unterging und das Urteil "Gut
gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht" erhielt.
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Weltjugendtag 2005 in Köln,
Benedikt
XVI. besucht die Kölner Synagoge
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Ein Blick auf das Theaterstück und seine Szenen im Einzelnen
Ort der Handlung: Der Vatikan und die gesamte Welt
Die katholische Kirche ist eine Organisation von ungefähr
1,2 Milliarden Menschen rund um den Globus, deren Meinungsspektrum auf
der Basis von Bibelinterpretation und Kirchenlehre von linksruppig bis
ultrakonservativ reicht. In dieser Fülle der Gläubigen kam und kommt es
bisweilen zu kontroversen Disputen, ab und zu auch zu Schismen. Was
Papst Benedikt XVI., dem die weltweite Einheit der katholischen Kirche
am Herzen liegt, Sorgen bereitet. So wie das Schisma der
ultrakonservativen Pius-Brüderschaft, deren Mitglieder sich dem
verstorbenen Bischof Lefebvre verbunden fühlen.
Szene 1: Gnadenakt gegenüber verlorenen
Söhnen
In seinem
Bemühen um Versöhnung hebt Benedikt auf Empfehlung der Kommission Ecclesia
Dei unter Leitung von Kardinal Dario Castrillon Hoyos, dem hauptamtlich
Zuständigen für den Dialog mit den Pius-Brüdern und Lefebvre-Bischöfen,
die Exkommunikation der Pius-Bischöfe auf. Diese war1988 wegen
des unerlaubten Empfangs der Bischofsweihe ausgesprochen worden. Offiziell verkündet
wird der
Gnadenakt per Dekret
am 24. Januar 2009. Als Gegenleistung für die
Rücknahme der Ex-Kommunikation wird von den Lefebvre-Anhängern
erwartet, dass sie sich rückhaltlos zum II. Vatikanischen Konzil
bekennen. Das bedeutet unter anderem die Anerkennung von
Religionsfreiheit und Verurteilung von Antisemitismus.
Szene 2: Miserable
Kommunikationsstrukturen im Vatikan
Zu der Pius-Gruppe gehört auch der
britische Bischof Richard
Williamson. Der hat im November 2008 in einem Interview, das genau an dem Tag, als der Papst das Dekret zur
Rücknahme der Ex-Kommunizierung unterschrieb, also am 21. Januar 2009 im
schwedischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, den Judenmord
in den Gaskammern des Dritten Reiches abgestritten und als
Fehlinformation in den Geschichtsbüchern bezeichnet.
Die historische Evidenz spreche gegen die Existenz von Gaskammern
zur NS-Zeit. Nach Aussagen des Vatikans, die nicht
anzuzweifeln sind, waren diese Äußerungen sowie die schon länger
erkennbare politische Ausrichtung Williamsons auf der
vatikanischen Entscheidungsebene nicht bekannt.
Was äußerst bedauernswert und erstaunlich ist, da Radio Vatikan bereits am 23 Januar 2009 und andere Medien sogar noch ein paar Tage
früher darüber berichtet hatten.
Szene 3:
Fahrlässige Berichterstattung
In den Medien, vor allem in Deutschland und Israel,
wird über die Wiederaufnahme der Pius-Brüder in die Kirche
sofort berichtet und diese größtenteils als
Rehabilitierung bezeichnet. Was aber missverständlich ist, denn
es lässt den Eindruck entstehen, als würden die Pius-Brüder
wieder in Amt und Würden eingesetzt und außerdem die Leugnung
des Holocaust innerhalb der Kirche geduldet. Das ist jedoch
nicht der Fall.
Szene 4: Miserables
Krisenmanagement
Obwohl diese Fehlinterpretation sofort augenfällig wird,
versäumt es der Vatikan, unmittelbar klarzustellen, dass die
Aufhebung einer Exkommunikation die Wiederaufnahme eines
Menschen als vollwertiges Mitglied in die Kirche bedeutet und ihm den Zugang zu
den Sakramenten und die volle Teilnahme am Gemeindeleben erlaubt .
Nicht
mehr und nicht weniger. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet nicht,
wie
Kirchenrechtler und auch Pater Eberhard von Gemmingen,
Leiter der deutschen Sektion von
Radio Vatikan, ausdrücklich betonen, dass Geistliche wieder
in Amt und Würden als Priester oder Bischöfe aufgenommen sind,
Messen feiern, Sakramente spenden und Seelsorge leisten dürfen.
Auch die Mitglieder der Pius-Bruderschaft sind nach wir
vor von allen
Ämtern suspendiert, und zwar
solange bis der rechtliche Status geklärt ist. Als
Voraussetzung dafür wurde von Benedikt XVI. die
uneingeschränkte Anerkennung aller Inhalte des II. Vatikanums
gesetzt.
Szene 5: Die
Debatte nimmt Fahrt auf
Der Vizepräsident des Zentralrats des
Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bezeichnet die
Entscheidung Benedikts als einen "schier unfassbaren Akt von
Provokation". Charlotte Knobloch, Präsidentin des
Zentralrats des Juden, fordert die Rücknahme der Entscheidung
und eine Entschuldigung. Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich
von Williamson. Der Vizepräsident des Zentralkomitees der
deutschen Katholiken, Heinz-Wilhelm Brockmann, verteidigt den
Schritt des Papstes als Versuch, "mehr Einheit in der Kirche
herzustellen".
Szene 6: Papst
verurteilt jede Form von Antisemitismus
Vier Tage
nach Veröffentlichung des Dekrets dämmert's im Vatikan. Benedikt XVI.
nimmt in seiner
wöchentlichen Generalaudienz Stellung. Ausdrücklich bekräftigt
er seine - in der Vergangenheit in Wort und Tat schon oft
bekundete - Solidarität
mit den Juden und verurteilt jede Leugnung des Holocaust.
Er verurteilt jede Art von Antisemitismus.
Die Vernichtung der Juden sei "ein
Mahnmal gegen jedes Vergessen und Leugnen". Diese
Stellungnahme kann die Kritiker des "Gnadenaktes" allerdings nicht
besänftigen.
Szene 7: Papst ernennt Gerhard Maria
Wagner zum Weihbischof von Linz
Zum Entsetzen der Linzer
Katholiken ernennt der Papst am 31.01.2009 Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof des
Bistums Linz, einen Mann mit umstrittenen Wertvorstellungen (den letztjährigen Wirbelsturm Katrina versteht er als Strafe Gottes für die
sündige Stadt New Orleans), der nie auf
der Wunschliste des Linzer Domkapitels gestanden hatte.
Szene 8: Kritik innerhalb und außerhalb der Kirche
Während die Welt außerhalb
des deutschsprachigen Raums kaum Notiz von den Vorgängen
nimmt, verselbständigt sich die losgebrochene Debatte hier zum brüllenden Orkan. Innerhalb der Kirche werden
unterschiedliche Meinungen vertreten, überwiegend aber massive
Kritik laut. Viele Wohlwollende und Unvoreingenommene schütteln voll
Unverständnis den Kopf über das vatikanische Krisenmanagement.
Die
meisten Bischöfe äußern sich bestürzt, der Regensburger Bischof erklärt den Holocaust-Leugner
Williamson zur Persona non grata in seinem Bistum. Bei der deutschen
Redaktion von Radio Vatikan geht eine
Flut von E-Mails ein, unter ihnen eine des ehemaligen
SPD-Vorsitzenden Jochen Vogel. Tenor: Was
ist denn bei Euch in Rom los? Wir fassen es hier alle nicht.
Was ist aus dem Kampf gegen den Relativismus geworden? Jetzt wurde der
Relativismus offiziell in die Kirche zurückgeholt.
Szene 9 Kirchen- und Papstgegner
nutzen die Chance
Kirchen- und
Papstgegner
blühen auf. Sie sehen durch das Spektakel den
generellen Vorwurf
rückwärtsgewandter, rechtslastiger Kirchenpolitik bestätigt. Die
üblichen Verdächtigen sprechen Benedikt Intellektualität ab und nehmen
die Chance für ein ordentliches Kirchen- und
Papst-Bashing dankbar an.
Selbstverständlich lässt auch die
auf
Dauerempörung programmierte, beschneidungspolitische Sprecherin der
Grünen, Claudia Roth - von der taz 2001 zur "Gurke des
Jahres" gekürt - die Gelegenheit nicht aus.
Szene 10: Bundeskanzlerin Angela Merkel
nimmt sich des Themas an
Am 3. Februar 2009 nimmt sich Bundeskanzlerin Angela
Merkel, evangelisch, des Themas an und wünscht sich vom Papst eine unmissverständliche
Stellungnahme gegen jegliche Leugnung des Holocaust. Einen Tag später
meldet sich auch SPD-Vorsitzender Franz Müntefering, katholisch, in der
"Berliner Zeitung" zu Wort. Er bezeichnet das Vorgehen
des Vatikans als schwereren historischern Fehler, den die Kirche so
schnell wie möglich korrigieren müsse. Dies zeige, dass der Papst nicht
unfehlbar sei. Womit Franz Müntefering zeigt, dass er von der
Unfehlbarkeit des Papstes keine Ahnung hat. Dieses 1870 eingeführte
(höchst umstrittene) Dogma bezieht sich ausschließlich auf
Glaubenaussagen und wurde in seiner Geschichte erst einmal (1950)
bemüht.
Szene 11: Schwedisches TV-Komplott
Der Vatikan sieht in der Veröffentlichung des
Interviews eine
bewusst gestellte Falle für Seine
Heiligkeit Benedictus XVI., berichtet die
Stockholmer Zeitung "Svenska Dagbladet" am 4.
Februar unter Berufung auf religiöse Kreise in
Rom. Demnach habe der TV-Sender das Interview
bewusst drei Tage vor der Veröffentlichung des
Papst-Beschlusses ausgestrahlt, obwohl die Rücknahme
der Exkommunikation der vier Pius-Brüder vom Vatikan
seit längerer Zeit geplant gewesen sei. Der TV-Sender
habe dem Papst so stark wie irgend möglich schaden
wollen, heißt es in dem Bericht.
Szene 12: Georg Ratzinger verteidigt seinen
Bruder
Verärgert zeigte sich der Bruder von Papst Benedikt,
der ehemalige Regensburger Domkapellmeister. In der
„Leipziger Volkszeitung“ vom 4. Februar beklagte er,
wie unvernünftig und schlecht informiert viele Leute
seien die Benedikt jetzt angriffen. „Wir sprechen
immer von einer informativen Gesellschaft, in
Wahrheit ist sie desinformiert.“ Es sei
„unbegreiflich und empörend, wenn selbst die
deutsche Bundeskanzlerin vom Papst klare Worte
fordert in einem Zusammenhang, in dem gerade Papst
Benedikt es nie an Eindeutigkeit hat fehlen lassen“.
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