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Danke, Thilo Sarrazin!

 

oder: Vom Guten im Schlechten

 

Christa Tamara Kaul - 04.09.2010  -  aktualisiert 06.09.2010

 

Krawallbanker, Brandstifter, Rassist, Volksverhetzer  -  die Reaktionen in Politik und Medien auf Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" weisen Merkmale von Amokläufen auf. Die übliche Empörungsmaschinerie der veröffentlichten Meinung überschlägt sich mit den üblichen Verbalknallern wie "rassistisch", "antisemitisch",  "menschenverachtend" und "menschenfeindlich"

 

Und Politiker mischen da fröhlich mit. Dabei zeigt sich einmal mehr, wie sinnentleert Wörter wie "rassistisch" und "Rassismus" längst benutzt werden  -  denn Sarrazins Thesen zur Integrationsfähigkeit muslimischer Migranten und Migrantinnen beziehen sich auf die kulturelle Prägung durch den  Islam, und der ist bekanntlich eine Religion, eine Ideologie und/oder eine Kultur, aber eben keine Rasse. Doch Rassismus als Anschuldigung sticht zunächst immer. Entsprechende Erfahrungsmuster jahrelang eingeübten Pawlowschen Reflexverhaltens belegen es.

 

Aber immerhin, egal wer was von Sarrazins Thesen hält  -  eines steht jedenfalls jetzt schon fest: Sarrazin markiert einen Wendepunkt. Die Integrationsdebatte wird zukünftig nicht mehr dieselbe sein wie zuvor. Es sieht ganz so aus, als seien tatsächlich selbst verschuldete Blockaden gesprengt worden und endlich ein offener und offensiver Umgang mit dem Thema möglich. Zu Recht forderte Necla Kelek in einem FAZ-Beitrag: "Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln."

 

Und Kelek weiter: "Der von muslimischen Forschern erarbeitete Arab Development Report beklagt seit Jahren, dass die mangelnde Tradition der Bildung, die fehlende Lese- und Abstraktionsfähigkeit durch das pädagogische Prinzip des Taqlid, das das Nachahmen fördert und die Neugier verbietet, die eigenen Gesellschaften behindern, sich zu entwickeln....
Aber auch hier geht er (Sarrazin - d.Autorin) wieder in die Zahlen und stellt fest, dass trotz subjektiven Wollens die Statistik eindeutig ist, und Kinder aus muslimischen Herkunftsländern, auch wenn inzwischen Eltern subjektiv bildungsorientierter werden, objektiv Defizite haben."
 

Sicher, im Grunde schreibt Sarrazin wenig Neues  -  auch vorher wurden immer wieder mal die gröbsten Missstände der Integration in den  Medien erwähnt. Sicher - seit langem bemühen sich staatliche Maßnahmen und vor allem jede Menge zivilgesellschaftlicher Projekte von Vereinen, Kirchen und Privatpersonen um ein gutes Zusammenleben von Einheimischen und Migranten. Sicher - Sarrazins Ausflüge in die Bereiche der Eugenik und sein Vorschlag von Prämien für Akademikerkinder sind mehr als fragwürdig. Sicher und vor allem - es gibt sie, die hervorragend integrierten, die gebildeten  Migranten und Migrantinnen, Kinder ehemaliger "Gastarbeiter" und anderer Zuwanderer. Necla Kelek, Cem Özdemir, Mesut Özil oder Sibel Kekili und Fatih Akın sind populäre Beispiele für viele andere, öffentlich weniger bekannte Erfolgsgeschichten.

 

Aber gerade sie, die Erfolgreichen, Gebildeten, hervorragend Integrierten zeigen überdeutlich, dass alle, die es wollen und sich darum bemühen, nicht nur Karriere machen können, sondern auch als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft akzeptiert werden  -  und zwar ohne alte Wurzeln kappen zu müssen. Der Schlüssel zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe liegt vorrangig im eigenen Streben und der Einhaltung der demokratischen Spielregelen dieses Staates. Das gilt für alle, gleichgültig, ob die Vorfahren schon im Teutoburger Wald mitgekämpft haben* oder aus Anatolien oder sonst woher eingewandert sind. Eigenartigerweise keilen ein paar der "etablierten" Migrantinnen, etwa Sirvan Cakici, mehr gegen Sarrazin aus als gegen  Menschenrechtverletzungen wie die beabsichtigte Steinigung einer Sakineh Ashtiani im Iran.

 

Verallgemeinerungen, auch die, die sich auf kulturelle, religiöse oder ethnische Gruppen beziehen, zeichnen immer ein unscharfes, aber deshalb nicht zwangsläufig ein falsches Bild. Und Sarrazin unterscheidet durchaus zwischen Integrationswilligen und Verweigerern, wirft keineswegs alle in einen Topf. Und leider sind viele muslimische Migranten, vor allem junge Männer, deren Familien aus der Türkei und den arabischen Ländern stammen, alles andere als in dieser Gesellschaft angekommen. Und streben das, im Gegensatz zu Migranten anderer Herkunft, auch ganz offensichtlich nicht an, weil sie deren Spielregeln nicht akzeptieren wollen und sich stattdessen ihre eigenen Universen schaffen. Dass sie überproportional kriminell werden, bei geringsten Konflikten gewalttätig ausrasten und sich womöglich auch noch diskriminiert fühlen, wenn Rechtstreue, Rücksichtnahme und Toleranz anderen gegenüber eingefordert werden, ist kein Hirngespinst, sondern mit schlichten Zahlen belegt. Die mittlerweile sprichwörtlichen Parallelgesellschaften sind keine Phantasieprodukte, sondern hochproblematische Realität  -   zwar bekannt, immer mal wieder diskutiert, aber von Beschönigern und/oder Duckmäusern in Parteien und Medien entweder defätistisch geduldet oder mit albernen Multi-Kulti-Euphemismen weichgespült.

 

Dieses Drücken vor einer klaren Problemanalyse und einem konsequenten, darauf basierenden Handeln wird in der Bevölkerung durchaus wahrgenommen. Und so fragen sich sehr viele Bürger und Bürgerinnen mit wachsendem Zorn, warum so viele Muslime, die Deutschland "scheiße" finden, die "einheimische" Mädchen auf der Straße wegen angeblich unanständiger Kleidung anpöbeln und die sich hartnäckig der Integration verweigern, warum die überhaupt in Deutschland sind und auch noch sozial gehätschelt werden. Jede Menge Bürger und Bürgerinnen haben die Nase voll von Ehrenmorden und anderen Zuständen, die in den europäischen Gesellschaften seit Jahrhunderten als überwunden gelten, sie haben die Nase voll von Halbwüchsigen, deren bevorzugte Schimpfwörter "du Christ" und "du Opfer" sind. Die Integrationsangebote deutscher Politik und Privatinitiativen werden in vielen Migrantenvierteln kaum zur Kenntnis genommen oder aber verlacht. Verbindliche Regeln und stringente Maßnahmen bei offensichtlicher Integrationsverweigerung gibt es auch nicht. Und so verfestigen sich Parallelstrukturen zunehmend, anstatt im Lauf der Generationenfolge abzunehmen.

 

Klar, Sarrazin polemisiert, polarisiert, auch mit diesem Buch. Er hat immer polarisiert, weil er zuspitzt, manchmal auch unangemessen oder sogar beleidigend. Das war in seiner Zeit bei der Deutschen Bahn so, das war bei seinem (erfolgreichen) Kampf als Finanzsenator gegen den Schuldensumpf in Berlin so. Und das war zuletzt bei dem dann doch nicht abgedruckten BZ-Interview mit Michel Friedman so, an dessen Ende er Friedman, der mit jedem Auftritt die These vom angeblichen Intelligenzgen europäischer Juden widerlegt, ein Arschloch nannte. Und immer hatte Sarrazin trotz verbaler Entgleisung in der Sache weitestgehend Recht. Überspitzte Formulierungen können beleidigen und das gesellschaftliche Klima aufheizen, Vorschläge wie Prämien für Akademikerkinder sind schlicht abwegig, dennoch hat Sarrazins Dramatisierung alles in allem aber geholfen, Potemkinsche Dörfer einzureißen und die tatsächlich vorhandenen Probleme endlich beim Namen zu nennen.

 

"Wir brauchen eine kontinuierliche Debatte über Integration, über Erfolg und Misserfolge. Die Politik muss sich am Alltag messen lassen und nicht nur immer dann, wenn einer mal ein Buch schreibt", sagte SPD-Chef Gabriel am Samstag (04.09.2010) in Berlin. Gut gebrüllt, Löwe! Allerdings ist dieses Brüllen nicht mehr als eine Zirkusnummer, wenn gleichzeitig nicht nur Sarrazin, sondern am liebsten auch dessen Problemanalyse aus der Partei ausgeschlossen werden soll, wenn politische Konsequenzen fehlen.

 

Das Gute im Schlechten: Die üblichen Politikerpirouetten à la Gabriel, das Gegeifer à  la Friedman oder Attacken à la Sirvan Cakici gegen Necla Kelek haben, das zeigte sich deutlich  im Verlauf der aktuellen Debatte um Sarrazin, immer mehr ihre beabsichtigte Wirkung, die auf Einschüchterung zielt, verloren. Sie ziehen einfach nicht mehr, die Versuche, missliebige Kritiker  mit den wohlfeilen Vorwürfen von Rassismus und sonstigem Vokabular aus dem überschaubaren Fundus der Empörungsabonnenten in die rechte Ecke zu bugsieren. So wie es momentan aussieht, lässt die politisch-gesellschaftliche Klimaerhitzung tatsächlich falsche Tabus dahin schmelzen. Das birgt die Chance für eine ehrliche Auseinandersetzung mit konsequenten Folgemaßnahmen! Konsequenzen für alle, Einheimische wie Zuwanderer.  Sarrazin sei Dank!

 

 

 

* eine hübsche, von Cem Özdemir übernommene Formulierung


                                             

© Christa Tamara Kaul