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Wutbürger - Knutbürger - Mutbürger
Die geballte Faust in der Tasche reicht nicht
Christa Tamara Kaul | 11.04.2011
Was den Wutbürgern recht ist, ist den
Knutbürgern längst billig.
Die einen protestieren gegen vermeintliche oder tatsächliche
Fehlplanung, etwa bei Stuttgart 21, die anderen gegen eine vermeintlich
oder tatsächlich miserable Haltung des früh verstorbenen
Kult-Eisbären Knut. Gut und schön, sie alle haben Aufmerksamkeit für
"ihre" Themen geweckt. Immerhin. Was wir aber noch viel dringender brauchen, sind
Mutbürger. Und das hat absolut nichts mit den Alt-68ern zu tun, auch
wenn Straßendemos - den AKWs sei Dank - wieder Konjunktur haben.
Nicht nur heutige Greisinnen und Greise erinnern sich noch: In den
Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts kannte die Jeunesse Dorée des aufstrebenden Bürgertums
fast nur noch Eines: nix wie raus auf die Gass' und ab zur Demo! Schließlich galt
es, das Proletariat zu verteidigen, ihm an die Macht zu
verhelfen - gegen die schnöde Bourgeoisie, gegen den angeblich so
bleiernen Willkürstaat. Nicht gleiche Chancen für alle, sondern alle
Macht dem Proletariat.
Also fuhren so
manche Studis mit dem von Vati zum Abi geschenkten Alfa Romeo Spider
zur Demo - etwa in Frankfurt am Main, dem so ziemlich heißesten
Pflaster der 68er Jahre - um für die Rechte der
Entrechteten und gegen den Unterdrückerstaat zu "kämpfen".
Allerdings parkte man das gute Cabrio dann doch lieber etwas
entfernt vom Demozug in einer abgelegenen Seitenstraße. Einerseits, um nicht als Nicht-Proletatier gebrandmarkt zu werden, anderseits,
um den
schicken Schlitten vor drohender "Proletarier"-Wut zu schützen. An Lautstärke und
Zornesgebaren mangelte es dann aber allen beim Zug über die Bockenheimer
Landstraße keineswegs.
Während die einen von damals, die deutlich kleinere Anzahl
dieser Straßenheroen, im Laufe der Zeit in die Kriminalität
abdrifteten, bastelten andere, die deutlich größere Gruppe, im Laufe
ihres Lebens eine gut honorierte, teilweise öffentlichkeitswirksame
Karriere. Und der verbleibende Rest entwickelte sich schlicht und
einfach zu unauffälligen "Normalbürgern". Immerhin hat diese Zeit
bewirkt, dass heute die meisten Menschen mit einer deutlich selbstbewussteren Haltung gegenüber Staat und Obrigkeit auftreten.
Das ist Geschichte. Sie wird und sollte sich nicht wiederholen -
auch wenn die sogenannten Wutbürger bisweilen einen anderen Eindruck
erwecken könnten. Vielmehr wäre es gut, wenn aus den Wutbürgern mehr
Mutbürger würden. Bürger, die den Mut haben, sich einzumischen, innerhalb
der Parteien oder in den Nichtregierungsorganisationen. Aber
sachlich und vor allem sachkundig. Das bedeutet Zeitaufwand für die
Einarbeitung in die jeweilige Materie. Gebraucht werden Bürger, die
den Mut haben, Alternativen zu suchen,
aufzuzeigen und diese anzubieten, statt sich im bloßen Dagegensein oder gar
Randalieren zu ergehen. Es genügt eben nicht,
die Faust in der Tasche zu ballen oder das politische Geschehen durch
Wahlenthaltung bestrafen zu wollen. Schon gar nicht beflügelt es
eine Realisierung des Bürgerwillens, wenn (wieder) Autos und
Kaufhäuser brennen. Politik durch Enthaltung bei Landtags- oder
Bundestagswahlen spielt den falschen Kräften in
die Hände. Politik durch Gewaltrandale driftet in die Kriminalität
ab. Wer politische Änderung will, muss bereit sein, sich in die
Niederungen - teilweise - ermüdender Planungsvorgänge zu begeben.
Mitbestimmung - gleichgültig auf welcher Ebene - bedeutet immer (Mit-)Arbeit.

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