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Stürmer-Qualität
Wie Zeitjung mit Zeitgefühl den Zeitgeist
versilbern will
Christa Tamara Kaul | 18.02.2009
Stürmisch drängte das Online-Magazin "zeitjung.de"
am 13. Februar 2009 nach mehrmonatigem Probelauf auf den
Medienmarkt. Als Angebot für 16- bis 24-jährige "Berufsstarter"
- Schüler, Azubis und Studenten. In einem Sturm der
Selbstbegeisterung verkündete das Redaktionsteam: "Wir glauben
zu wissen, was das Geheimnis (junger Nachrichten)
ist. Und wir haben den Mut, so zu schreiben, wie uns der
Schnabel gewachsen ist. Auch - und vor allem - am Freitag, den
13." Hmm, vielleicht war das Datum dann doch nicht so gut.
Denn was
bis jetzt heraus gekommen ist, das hat streckenweise
wirklich "Stürmer"-Qualität.
Da
rieben sich so einige Leser der "Erstausgabe" doch
erst mal die Augen.
Und wollten nicht recht glauben, was sie da an substanzfreier
Meinungsmache und tendenziöser Desinformation in dem Bericht über die neue
Miss
Germany (ist keine Deutsche, weil sie ja in
Rumänien geboren wurde) und noch mehr bei dem Verbalerguss über die
Pius-Bruderschaft
(Bruderschaft
des Grauens) serviert bekamen. Etwa das:
"Antisemitismus,
Homophobie und Entwürdigung von Frauen gehören bei
religionsgeprägten Menschen fast immer zur Tagesordnung."
Na,
hallo! Gut, das uns das mal gesagt wurde. Eine andere Kostprobe:
"Seit die katholische Kirche durch die Jahrtausende
wandelt, hat sie nur vernichtet und Fluch über die Welt
gebracht."
Also, um ehrlich zu sein: Letzteres stand nicht in Zeitjung,
sondern 1933 im "Stürmer", und statt "katholische Kirche"
stand dort "das Volk der Juden". Verblüffend aber, wie sich
Absicht (Diskriminierung) und Sprachduktus von Zeitjung- und
Stürmerartikel gleichen.
Immerhin: Spätestens am 17. Februar bewies die Redaktion Sinn
für Realsatire, wenn auch unbeabsichtigt. Und brachte mit ihrer
Reaktion auf die Kritik von Lesern und Medien DEN
Knaller. Da heißt es doch tatsächlich:
"Mit Stolz geschwellter Brust verfolgte nun die
Redaktion, wie oft welche Artikel gelesen wurden und
welcher Redakteur Comments zu seinen Ergüssen erntete.
... Doch
auf einmal ist die Verwunderung groß - uns wird
Antisemitismus vorgeworfen! (Miss
Germany). Und Volksverhetzung! (Bruderschaft
des Grauens) . ... Wir haben uns erschrocken!
Darüber, wie schnell man heute noch - im Jahr 2009 - in die
braune Schublade gesteckt wird."
Phänomenal, wirklich - diese Bigotterie! Da hetzt Zeitjung, was
das Zeug hält und betreibt - im Jahr 2009 - genau das, nämlich andere
pauschal in die braune Schublade zu stecken. Was schließlich immer noch die billigste, aber unzählige Mal bewährte Methode
ist,
wenn irgendwelche Missliebigen a priori mundtot oder fertig
gemacht werden sollen. Und dann diese Krokodilstränen in eigener
Sache!
Also - Schadenfreude wäre hier jetzt wirklich
fehl am Platz.
Und
sonst so? Ach Himmel, alles in allem eine bunte Mischung von
Nachrichtenhäppchen in Junkfood-Qualität, wirrem Abwatschgefasel
(Zumwinkel), bisweilen witzigen
Erlebnisberichten, einigem an Betroffenheitsprosa und viel PISA-Deutsch
("Ein vermummter Teenager
drescht
mit Fäusten auf eine Katze ein"). Gemäß dem Zeitjung-Motto
soll der Inhalt vor allem das sein: anders, aktiv, artgerecht,
aktuell. Da lässt sich bei "artgerecht" die Frage kaum unterdrücken: Sind junge Leute zwischen 16 und 24
wirklich so beschränkt? Wenn ja, dann ist nur auf die
fast nie versiegende Lernfähigkeit zu hoffen. Wenn
nein, dann wird es um Zeitjungs Lebenszeit schlecht
bestellt sein. Und damit wohl auch um die finanziellen
Erwartungen von Hansjörg Zimmermann, Geschäftsführer der
Werbeagentur "Das goldene Vlies" , die hinter Zeitjung steht.
Obwohl - so viel Pessimismus braucht's, recht besehen,
vielleicht doch nicht. Schließlich findet sich Substanzfreiheit
und
aggressive Ahnungslosikeit, wie die
Neue Zürcher Zeitung es ausdrückte, selbst bei so genannten Qualitätsmedien,
die sich schon ziemlich lange halten. Wenn auch distinguierter
aufbereitet. Etwa
bei der 3sat Kulturzeit. Und dort merkwürdigerweise - oder auch nicht -
bevorzugt unter der Moderation von Tina Mendelsohn. Auch die
sich als brutalst mögliche Aufklärerin und Aufgeklärte Gebende
versuchte am
16. Februar einmal mehr, Kirche und Papst
grundsätzlichen und unausrottbaren und darüber hinaus noch neuen
Antisemitismus zu bescheinigen. Schon fast verzweifelt drängte
sie den Historiker und Soziologen Werner Bergmann vom Berliner
Zentrum für Antisemitismus-Forschung genau in diese Richtung,
nachem sie sich bereits zuvor in ihrer Anmoderation
desinformiert und tendenziös hervorgetan hatte. Als alles
Heischen nach Bestätigung erfolglos blieb, verlor sie
schließlich zum Interviewende kurzzeitig nicht nur ihr
Standardlächeln, sondern vernuschelte sogar ihre
Standardabsage.
Oh
Herr, wirf Hirn vom Himmel! Ein Bisschen mehr wenigstens.

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